"Wäre ich dann noch in der Lage, Gedichte zu schreiben?" fragt er plötzlich.

"Nicht auf dem Niveau wie die letzten, nein. Nicht wie Byron und Shelley und Keats, welche ebenfalls die Qual durchlitten, von der Sie sich jetzt befreien können. Aber - vielleicht solche wie Tennyson oder Ashbless."

Hide Me Among the Graves

 

 

Shelley, Byron, Polidori, Ashbless... Ashbless?

Sein Name prangt auf mehreren Büchern, seine Poesie wird häufig zitiert, doch wer ist dieser mysteriöse Dichter eigentlich? In Folge sollen einige vorsichtige Versuche einer Biographie unternommen werden, da nur spärliche und zum Teil widersprüchliche Angaben existieren. Sein Geburtsjahr wird mit 1785 angegeben, aber selbst das ist nicht belegt. Ursprünglich aus Virginia taucht er zu Beginn des 19. Jahrhunderts in London auf, seine Gesellschaft zieren Namen wie Coleridge und Byron. Seine Werke finden früh Anerkennung, genannt seien The Twelve Hours of the Night, Antlered Man Dangles und die drei London-Führer Londons Philosophen, Londons Verrückte und Londons Wissenschaftler.

Nur wenige Anhaltspunkte zu seinem Leben sind im Unterschied zu denen seiner Gefährten verblieben, James Baileys Life of Ashbless (1830er) und William Hazlitts Werksanalyse von 1825 sind eher fragmentarisch. So wird auch nie der Ausmaß seiner Beteiligung an dem "Tanzaffen-Wahnsinn" in London um 1800 geklärt werden können. Ashbless unternahm kurz nach seiner Ankunft in London eine Reise nach Ägypten und heiratete im gleichen Jahr, 1811, Elizabeth Jacqueline Tichy. Er starb Frühjahr 1846, im Bauch seiner jüngst entdeckten, nur teilweise verwesten Leiche steckte ein Schwert.

Damit nicht genug, etwa ab Mitte des 20. Jahrhunderts lebte in Kalifornien ein Dichter gleichen Namens, dessen Leben und Werk erstaunliche Parallelen zu dem des voran genannten aufweisen. Seine Spur verliert sich nach einigen seltsamen Ereignissen in Südkalifornien Mitte der sechziger Jahre. Auch auf die Gefahr hin, den zahllosen Verschwörungstheorien weitere Nahrung zu verschaffen, sei noch erwähnt, dass der bekannte Ashbless-Forscher Brendan Doyle 1983 unter nie geklärten Umständen verschwand.

Um das Mysterium auf die Spitze zu treiben erscheinen seit einiger Zeit neue Ashbless-Werke, meist kurze Stücke als Einleitung oder Kommentar zu den Werken zweier anderer kalifornischer Autoren James P. Blaylock und Tim Powers, doch auch hier sind Informationen oder Bilddokumente rar.

Des Rätsels Lösung...

Tatsächlich ist William Ashbless eine Erfindung von Tim Powers und seinem Freund und Kollegen James P. Blaylock. In Collegezeiten zur Abschreckung der überaus ernsthaften Teilnehmer eines Schreibzirkels geboren, nahmen diese die surreale Poesie des verkrüppelten und daher nie in der Öffentlichkeit gesehenen Studenten überaus ernst. Natürlich konnten sie den Spaß der beiden im Angesicht eines so erschütternden Schicksals nicht verstehen. Die seltsam anmutenden Gedichte entstanden, indem Powers und Blaylock abwechselnd bedeutungsschwangere Zeilen schrieben, so dass auch wirklich Sinnfreiheit garantiert war.

Als Tim Powers Jahre später einen Dichter für einen seiner Romane brauchte, griff er auf Ashbless zurück, ohne zu wissen, dass James Blaylock dasselbe für eines seiner Bücher plante. Erst einer Mitarbeiterin ihres Verlags fiel die Namensgleichheit auf und sie wies sie darauf hin. Seitdem nutzen sie ihn beide für ihre eigenen und gemeinsamen Werke.

James P. Blaylock (l.) und Tim Powers (r.) mit John Berlyne (2.v.l.) und K.W. Jeter
 
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