John Berlyne: Vorwort zu Secret Histories

Mitte der achtziger Jahre gab mir mein Bruder ein ramponiertes Taschenbuch mit dem Hinweis, dass ich es mögen würde. Auf dem Cover türmte sich das erschreckend ausdruckslose, verdorrte Gesicht einer uralten Mumie, seine pergamentartige Hand war ausgestreckt und riesengroß, als ob sie mich packen und in das Bild ziehen wollte. An einer anderen Stelle lief ein furchterregender weißgeschminkter Clown im Narrenkostüm auf Stelzen, seine Arme in absonderlicher aber machtvoller Geste dem drohenden Himmel entgegen gereckt. Im Hintergrund stand eine knorrige kahle Eiche auf einem Hügel, am Horizont die Silhouetten von Ziegelbauten, dominiert von einem Kuppelbau, der an die St. Pauls Kathedrale erinnert. Eine bleiche, hundsköpfige Figur thronte reliefartig über der Stadt. Im Vordergrund dieser außergewöhnlichen Anordnung, mitten in der Bewegung eingefroren, rannten zwei Männer wie besessen - einer in Regency-Kleidung, der andere in modernem Jackett und Krawatte - vor dieser infernalischen Szene davon. Halt, Moment - es waren nicht zwei verschiedene Männer - es waren Zwillinge, oder gar beide der gleiche Mann? Beide nahmen dieselbe Pose ein, aus ihren identischen Zügen sprach in gleichem Maße die Angst. Das alles hatte ich schon in mich aufgenommen, bevor ich überhaupt den Titel des Buches las, geschweige denn den Namen des Autors. Wenn es je einen Moment gab, in dem dieses Buch nur nach seinem Cover beurteilt wurde, so war es dieser.

Natürlich haben Sie jetzt schon festgestellt, dass dies ein Exemplar von Die Tore zu Anubis Reich gewesen war und wissen auch, welche außergewöhnlichen Schätze mich hinter diesem Titelbild erwarteten. Dort war auch die Seite mit dem „Vom gleichen Autor:“ und der Teil führte ebenso wie der Roman selbst zu dem Buch, das Sie jetzt in Ihren Händen halten.

Nachdem ich Die Tore zu Anubis Reich verschlungen hatte, war ich so verblüfft von der Genialität des eben gelesenen, dass ich sofort etwas anderes von diesem Autor haben wollte. Sie müssen bedenken, dass dies lange vor der breiten Internetnutzung passierte, wo man scheinbar jedes Buch auf diesem Planeten mit einem Mausklick aufspüren kann. Damals musste man zur örtlichen Filiale von W. H. Smiths gehen und fragen: „Haben Sie etwas von Tim Powers?“ Die Standard-Antwort war immer „Wer?“

Nicht lange danach hatte ich es geschafft, Exemplare von The Drawing of the Dark und Zu Tisch in Deviants Palast zu finden, da beide etwa zu dieser Zeit von Grafton verlegt wurden. Die Schwierigkeit war, die anderen beiden aufgeführten Romane zu bekommen, The Skies Discrowned und Epitaph in Rust. Niemand, mit dem ich sprach, hatte auch nur von dem Verfasser gehört, geschweige denn den Büchern. Der Erwerb der anderen Grafton-Ausgaben - obwohl beide wunderbare Leseerlebnisse waren - trugen noch zu der Frustration bei, listeten sie doch beide auch die unmöglich aufzuspürenden Titel auf.

Es war nach zwei Jahren dieser Suche, das mir ein Licht aufging - natürlich! Ich könnte dem Verlag schreiben. Noch immer habe ich ihre Antwort vom 26. Mai 1988, darin das Äquivalent zu einem Achselzucken und einem Kopfschütteln und der Ratschlag, ich solle an „Forbidden Planet“ (Anmerkung: das weltweit größte Spezialgeschäft für SF &F in London) schreiben, welche die Bücher sicher für mich finden könnten.

Falsch. Ich war bereits dort gewesen und hatte gefragt: „Haben Sie etwas von Tim Powers? - „Wer?“

Meine Suche nach diesen beiden legendären Powers-Titeln wurde langsam zu einem Witz, auch für meine Familie - die Standardfrage wann immer ich mich in einem Buchladen wiederfand. Eltern und Geschwister wurden instruiert, bei sich bietender Gelegenheit Nachforschungen anzustellen. Ich schrieb an Verwandte in den Vereinigten Staaten, in Kanada mit der Bitte, es zu versuchen und Exemplare zu finden, aber erhielt zu meinem Ärger nur Absagen. 1991 wurde mein erster Aufenthalt in New York von zwei Tagen der Suche nach den Powers-Büchern unterbrochen. Obwohl ich die Bücher selbst auf dieser Reise nicht besorgen konnte, grub ich an einem ganzen Nachmittag in der New Yorker Öffentlichen Bibliothek wertvolle Informationen aus. Diese Bücher waren dort aufgeführt (zumindest eine Bestätigung ihrer Existenz) und nun hatte ich auch den Namen des Verlags - Laser Books.

Ich muss Sie hier nochmals daran erinnern, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch kein Bücher-Sammler war, gerade so vielleicht ein begeisterter Leser. Natürlich weiß ich heute alles über die Laser-Reihe, ihre Geschichte und Auflagenhöhe - Mann, wahrscheinlich könnte ich sogar alle siebenundfünfzig Titel herunterrasseln, wenn es nötig wäre - aber damals hatte ich keine Ahnung. Und, zu meiner Überraschung, genauso ging es der New Yorker Filiale von Forbidden Planet, die, zu meinem Erstaunen, auf die gezielte Frage „Haben Sie etwas von Tim Powers, irgendetwas verlegt bei Laser-Books?“ vorhersehbar antworteten: „Wer?“ Ich habe nie herausgefunden, ob es der Autor oder der Verlag war, den sie nicht kannten. Wie auch immer, zurück zum Reißbrett.

In den frühen neunziger Jahren waren weitere Bücher von Powers in Großbritannien erschienen -  ich hatte das Piratenbuch In fremderen Gezeiten gelesen und war begeistert - eine weitere Veröffentlichung von Grafton und mit einem meiner absoluten Lieblings-Umschlagbilder versehen (Richard Clifton-Deys leichenhafte Zombiepiraten rudern durch Floridas Mangrovensümpfe - besser geht’s nicht!) - und ich war berührt und erschreckt von unseren romantischen Dichtern in Die kalte Braut, die ihre Vampir-Musen in den Schweizer Alpen, dem Ufer des Genfer Sees und an den Kanälen Venedigs des frühen neunzehnten Jahrhunderts bekämpfen mussten. Die Bücher packten mich mit ihren barocken Plots, den unheimlichen magischen Geschichten und ihrer schieren Plausibilität und verstärkten noch mehr den Wunsch, diese verdammten Laser-Bücher aufzuspüren.

Mitte der neunziger Jahre lebte ich in London und fristete ein schäbiges Dasein als Schauspieler. In einem Frühling bekam ich eine Rolle im Chor eines Workshops, der aus einem Lionel Bart Musical hervorging, das auf Victor Hugos Der Glöckner von Notre Dame basierte. Bart verbrachte die letzten Jahre seines Lebens damit, dieses Stück wiederzubeleben. Die Idee war, es vor Cameron Mackintosh oder anderen Theater-Impresarios aufzuführen und so an Finanzierungsmittel zu kommen. Unglücklicherweise wurde nichts aus dem Projekt und das Stück ist vielleicht wirklich zu recht vergessen, aber für mich war dies ein Wendepunkt.

Bei einer Probe in Islington fand ich mich wieder in der ärgerlichen Situation, ganz früh am Morgen für eine Stunde gebraucht zu werden und dann erst wieder sehr spät am Tag. Um Zeit totzuschlagen, wanderte ich durch einen Bereich der Holloway Road, bis heute noch eine Ansammlung bunter und unbeschrifteter niedriger Ladenfronten. Damals wie heute war mehr als die Hälfte der Geschäfte dauerhaft geschlossen und der Rest waren Gemischtwarenläden, Ramschläden und Imbissbuden. Und dort, zwar nicht direkt versteckt aber auch in keiner Weise seine Existenz preisgebend, lag ein Buchladen namens „Fantasy Centre“.
Während ich dies schreibe, mehr als zehn Jahre später, gibt es diesen Buchladen noch (allerdings für wie lange, kann keiner sagen, sicherlich ist es abhängig vom Besitzer Erik Arthur) und es ist ein heiliger Ort für britische Genrefans und Buchsammler. Die Internetseite des Ladens (www.fantasycentre.biz) beansprucht für das Geschäft, das einzige in Europa zu sein, das sich auf Science Fiction und Fantasy aller Zeiten spezialisiert zu hat. Für mich, damals in der Mitte der Neunziger, war es der Ort für eine grandiose Stunde des Stöberns durch die Regale. Was sich mir am stärksten eingeprägt hat, ist der Geruch - ein leichter süßer Duft nach gealtertem Papier - ein himmlisches Aroma, das jeden Buchliebhaber in Entzücken versetzt.

Natürlich schaute ich da drinnen nach Powers und ich kann mich gar nicht erinnern, ob sie nun etwas hatten oder nicht - auf alle Fälle war es nichts, das ich nicht schon gelesen hatte. Gerade als ich gehen wollte, kam ich auf die Idee, die mittlerweile schon abgedroschene Frage zu stellen: „Haben Sie etwas von Tim Powers, das bei Laser Books erschienen ist?“ Ich war so an die Antwort „Wer?“ gewöhnt, dass ich völlig sprachlos war, als ich Erik sagen hörte „Ja“. In Sekundenschnelle hatte er ein nagelneues Exemplar von Epitaph in Rust hervorgezaubert und ich sah erstmals das Umschlagbild von Kelly Freas.

An diesem Nachmittag lernte ich eine Menge interessanter Dinge - Erik berichtete mir die Geschichte von Laser Books, dass sie eine Reihe von 57 Büchern gewesen waren, meist nur für direkte Abonnenten erhältlich, und dass sie lange, lange vergriffen seien, was die Mühen sie zu bekommen erklärt. Ich erfuhr auch, dass ich ein Powers-Sammler geworden war, da ich die größte Summe bezahlte, die ich je für ein Taschenbuch ausgab - und das ohne ein zweites Mal darüber nachzudenken.

Den ersten dieser Laser-Titel aufzuspüren ließ mich den zweiten viel einfacher finden und da hatte ich auch schon das Internet als Hilfe. Wie auch immer, obwohl sehr viele Buchläden clever genug waren ihre Kataloge online zu stellen, waren nahezu keine Informationen über Tim Powers selbst zu finden. Nachdem ich damals schon einige Jahre am Theater gearbeitet hatte, war ich ziemlich skeptisch gegenüber der üblichen „Fan-Mentalität“. Konsequenterweise interessierte mich das Werk viel mehr als die Person des Autors und nie wäre mir die Idee eines ordinären Fanbriefes auch nur in den Sinn gekommen. Trotzdem, nie hatte ich ein Bild des Mannes zu Gesicht bekommen und die Sache mit Laser-Books war so zur Besessenheit geworden, dass ich gestehen muss, dass ich neugierig darauf wurde mehr über den Autor zu erfahren.

In einer der gewöhnlich wiederkehrenden Phasen ohne Arbeit hatte ich eine Eingebung. Wenn es keine Website zu diesem Schriftsteller gab, könnte ich ja vielleicht eine erstellen, und anstelle sie nach dem eher unkritischen unterwürfigen Ende des Marktes auszurichten, wäre ja eine Informationsquelle für die Suche nach seinen Büchern eher hilfreich - zumindest wäre es das für mich gewesen. Um das umzusetzen, musste ich diese Bücher recherchieren, etwas das ich ohnehin seit Jahren tat, aber dieses Mal als sorgfältige und konzentrierte Tätigkeit.

So machte ich mich auf in die British Library, grübelte über Katalogen und ISBNs und bemerkte schnell, dass mit jedem Fakt, den ich herausfand, die Anzahl noch zu entdeckender Dinge wuchs. An dieser Stelle öffneten sich meine Augen für die Welt der limitierten Ausgaben, Varianten der Bindungen und Buchclubausgaben, Auflagenhöhen, Reprints und Einleitungen und hunderte andere Details, die dazu dienen, Bibliophile zu entzücken.

Es ist heute schwer vorstellbar, aber als ich anfing die The Works of Tim Powers-Website zu erstellen, tippte ich den gesamten Code (selbst beigebracht, wie ich mitteilen muss) in „Notepad“ ein, html-Tag für html-Tag für html-Tag. Ungeachtet der endlosen Stunden mit Versuch und Fehler - meistens Fehler -  schaffte ich es am Ende, etwas auf die Beine zu stellen, auf das ich stolz war. Sie mag nicht den ganzen Schnickschnack der anspruchsvollen Seiten gehabt haben, aber es war etwas, das seinen Zweck erfüllte. Nun würde jemand, der nach einer der Laser-Ausgaben suchte, keine Jahre zubringen müssen wie ich, der unwissend herumgezogen war. Sie mussten nur „Tim Powers“ googeln und eine Website würde sich öffnen, die Links anbot, wo man das Buch sofort bestellen konnte oder was auch immer man wollte. Cool!
Und dann - und das war wirklich cool! - kam im Februar 1999 über die Website, nur ein paar Monate, nachdem sie online gestellt worden war, eine Art Fanpost zu mir selbst. Darin stand:


Sehr geehrter Herr Berlyne,

ich muss Ihnen einfach für die wundervolle Powers-Website danken! Ich bin begeistert und geehrt - sie stellt mich als einen sehr angesehenen Autor dar - und ich hoffe viele Leute besuchen sie!
Ich kann überhaupt keine Unstimmigkeiten finden, und wenn ich von irgendeiner Hilfe sein kann, Fragen beantworten, schreiben Sie bitte oder rufen an.
Wir haben unserem britischen Verleger schon länger versprochen, bald nach England zu kommen - & wenn das passiert, schulden wir Ihnen mindestens ein reichliches Abendessen. Gehen Sie zu Science Fiction & Fantasy-Conventions?

Nochmals Danke,
Tim Powers

Diese bezaubernde Nachricht, verbunden mit der Einladung zu weiterer Korrespondenz, hielt ich zunächst für einen Scherz. Nachdem die Echtheit aber bewiesen war, markierte sie den Punkt, ab dem ich den Mann genauso zu verehren begann wie seine Werke. Einen freigiebigeren Unterstützer für meine Powers-bezogenen Belange kann man sich nicht wünschen und durch seine beständige Beteiligung an der Website lernte ich Powers-Sammler kennen, die ihre Schätze gern mit anderen teilen wollten, allen voran John Bierer. Dieser wohnt in Oak Park nördlich von Los Angeles und hütet sorgsam viele der Powers-Originalmanuskripte und archiviert sie für die Nachwelt. Und das ist gut so, denn - und hier wird Tim Powers zustimmen - würde er sie selbst aufbewahren müssen, wären sie mit weit weniger Sorgfalt behandelt worden und zweifellos mit Cola, Zigarettenasche und Katzenhaaren übersät sein.

Vor einigen Jahren besuchte ich John Bierer und verbrachte einen ganzen Nachmittag bei ihm, der mit dem Ereignis in dem Londoner Buchladen in den Neunzigern vergleichbar war. Diese Mal allerdings, waren es nur Powers-Sachen. Hätte ich John die gewohnte Frage gestellt: „Haben Sie etwas von Tim Powers?“, wäre dieses Mal die Antwort gewesen: „Ja, alles!“

Und so hatte ich Gelegenheit, durch das originale, einmalige, handgeschriebene Manuskript des Buches zu blättern, das mir mein Bruder so viele Jahre zuvor gegeben hatte. Das war so nah an der Geschichte wie es nur eben ging - die Seiten in der Hand zu halten, auf denen diese unglaublichen Abenteuer erstmals aufgezeichnet wurden - wo der arme Brendan Doyle in der Vergangenheit gefangen wird und Dichter Ashbless durch London und den Mittleren Osten tollt und links, rechts und in der Mitte Paradoxa verursacht. Und diese vergilbten Seiten offenbarten noch etwas - einen klaren Einblick in die Art, wie sie geschrieben wurden. Sie zeigten in den Schnörkeln und Durchstreichungen, dass die Ideen noch nicht fertig ausgearbeitet kamen. Stattdessen wurden sie aus groberem Material in einer außergewöhnlichen kreativen Weise herausgehauen. An manchen Stellen hingekritzelte Wörter waren durchgestrichen, an anderen Stellen Absätze und sogar ganze Seiten, einfach ausgelöscht. Das war Powers unmittelbar in seinem Schreibprozess. Und überall waren Notizen und Belanglosigkeiten zu finden - Telefonnummern, Termine, Einkaufslisten und alle möglichen Dinge, die dies zu einem Dokument nicht nur des Romans machten, sondern auch des Autors. Und die Zeichnungen - was für Zeichnungen!

Bis dahin hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass Powers zeichnen konnte - aber hier sah ich zwischen vielen zufälligen Gesichtern, Karikaturen und Skizzen fein ausgearbeitete Charakterstudien von Horrabin, Ashbless und Fikee. Und alle diese frühen Manuskripte enthielten diese außergewöhnlichen Bilder, ein riesiges Angebot, das deutlich die Bedeutung dieser Zeichnungen für den kreativen Entwicklungsprozess jedes Werkes verdeutlichte. Was mich zu jenem Zeitpunkt zusätzlich erstaunte war, dass ich einer von nur einer Handvoll Menschen war, die diese Kunstwerke je gesehen hatten.

Nun, beinahe zwanzig Jahre später, bin ich in der glücklichen Situation, jenes wunderbare Richard Clifton-Dey-Gemälde der Mumie, die nach dem fliehenden Brendan Doyle-Duo greift, mein Eigen zu nennen. Der Druck auf dem Cover der Grafton-Ausgabe wird dem Original nicht gerecht und jedes Mal, wenn ich das atemberaubende Bild über meinem Kamin ansehe, muss ich an meine eigene kleine und sehr persönliche, von Tim Powers inspirierte, Zeitreise denken. Dieses Buch ist meine Antwort darauf, selbst eine Reise voller Drehungen und Wendungen über viele Meilen und viele Jahre. Ich hoffe, es bietet eine endgültige Ressource für den Sammler, einen Schatz an unterhaltsamen Dingen für den Fan, für angehende Schriftsteller eine Einsicht in einen wirklich erstaunlich kreativen Schreibprozess und für den Autor eine passende Würdigung eines wunderbaren und wichtigen Gesamtwerks.

 
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