Medusa's Web

EPIGRAPH

When you are in the fingers of this unwisely summoned beast, you find yourself in a hundred conflicting motions all in the same moment. You grieve, you dance, you vomit, you shake, you weep, you faint, and suffer enormously, and you die . . . the sovereign and sole remedy is Music.

Francesco Cancellieri, Briefe des Francesco Cancellieri an den Herrn Doktor Koreff, Professor der Medizin an der Universität von Berlin, über Tarantismus, die Lüfte von Rom und seiner Umgebung und die päpstlichen Paläste, innen und außen, Rom, 1817

FRAXINUS-BEO ÜBERSETZUNG

 


Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.

William Faulkner

Teil 1: Die Affen können nicht loslassen

„Das ist ein einzelner Schweinwerfer, er biegt jetzt auf den Parkplatz ein.“

Die Frau stand an einem der hohen französischen Fenster und schaute durch das regenverhangene Fenster die Böschung hinab. Der Tag war insgesamt nicht sehr hell gewesen und jetzt schwand das Licht im bewölkten Himmel. „Und ich höre einen Motor – es ist ein Motorrad, oder? Wahrscheinlich dieselbe furchtbar alte Honda, die er bei seinem Auszug hier schon hatte.“

Ihr Cousin seufzte und rollte seinen Rollstuhl über den abgenutzten Teppich neben sie. „Es ist ein Motorrad“, stimmte er zu. „Jetzt ist es hinter den Bäumen.“

„Und der Motor ist jetzt aus. Es ist er.“

Ihr Cousin nickte, noch immer den sichtbaren Teil des Parkplatzes ins Auge fassend. „Und das Auto dort ist sicherlich seine Schwester.“

„Oh Claimayne, es gefällt mir überhaupt nicht, dass sie hier nach Caveat zurückgekommen sind.“

Sie streckte die Hand aus, entriegelte das Fenster und stieß es auf. Eine kalte Brise zog an ihrem kurzen braunen Haar und wehte den frostigen Geruch nassen Lehms durch die modrige Luft des Speisezimmers.

Claimayne Madden bewegte seinen Rollstuhl zurück. „Entspann dich, Ariel, ich habe gehört er ist jetzt ein Trinker. Wahrscheinlich aufgequollen und fett.“

Ariel Madden wandte sich ihm zu und blickte ihn finster an: „Halt den Mund.“

Claimayne grinste und hob die Hände.

Ariel nahm ihr Handy aus der Tasche in ihrer Bluse „Und gib mir eine Spinne. Ich will ein davor und danach machen.“

„Was?“ Er riss die Augen auf. „Nein – um Gottes willen. Nimm einen Drink, kippe ein Glas Bourbon, wenn es sein muss. Schließ das verdammte Fenster und setz dich hin. Du bist jetzt seit vier Jahren clean!“

Während sie erneut auf die nassen Terrassen sich wiegenden Bambus und Pampasgras blickte schnippte Ariel mit den Fingern und streckte ihm eine Hand entgegen.

Claimayne fuhr fort „Ein davor und danach? Du wirst gar nicht in der Lage sein irgendetwas zu tun. Du hast deine gesamte Willenskraft vor Jahren aufgebraucht! Du wirst hier sitzen und sie wie ein Idiot anblinzeln. Und dein danach wird nur eine Halluzination sein, nicht einmal ein wirklicher Blick auf die Zukunft – das sind sie meist.“

„Ich habe seit vier Jahren keine mehr gemacht“, sagte sie ungeduldig. „Ich bin wohlmöglich wieder jungfräulich.“

„Hör dir doch selbst zu. Wenn du dein späteres Selbst zu etwas zwingen willst, wirst du vielleicht eine Embolie bekommen.“

Sie hielt ihre Hand noch immer ausgestreckt.

Claimayne zuckte die Schultern und ließ seine Hände in den Schoß fallen. Einige Sekunden starrte er zu Boden. Dann griff er in die Tasche seines seidenen Morgenmantels und legte ihr einen gefalteten Zettel auf die Handfläche.

Ariel tippte mehrfach auf den Bildschirm ihres Telefons, dann entfaltete sie, ohne hinzublicken, das Stück Papier. Sie hielt das Handy etwa dreißig Zentimeter darüber und berührte die Ecke des Bildschirms. Es gab ein leises Klicken und sie reichte das Papier zurück an Claimayne.

„Ich werde mir selbst per E-Mail schicken“, sagte sie, während sie auf der Bildschirmtastatur tippte. „Es ist besser keines deiner Gedichte.“

„Du bist ein großes Mädchen“, sagte er beim Einstecken des Papiers. „Du willst es wieder aufnehmen, das ist deine Entscheidung.“

„Dein Missfallen ist … heuchlerisch.“

Claimayne seufzte. „Vermutlich, vermutlich. Tu was du willst, Kind.“

Ihre Stimme war voll Hohn: „Dank dir, Tetrarch.“   

Sie stürmte aus dem Esszimmer, das Klacken ihrer Schuhe hallte in den hohen Bögen der Decke wider, als sie die geflieste Halle betrat.

Claimayne rollte wieder vorwärts und lehnte sich aus dem Rollstuhl, um Halt am feuchten Fensterriegel zu finden, aber seine Finger glitten wirkungslos am kalten Metall ab. Er gab auf und ließ sich keuchend zurückfallen.

Als Ariel zurück in den Raum schritt, faltete sie ein offensichtlich gerade frisch auf dem Drucker in der Bibliothek am anderen Ende des Hauses ausgedrucktes Stück Papier. „Es kann sein, dass ich es überhaupt nicht ansehe“ sagte sie defensiv, während sie es in die Tasche ihrer Bluse neben das Handy steckte. „Erst recht nicht zweimal. Kannst du sie schon sehen?“

„Ich habe nicht nachgeschaut. Willst du runtergehen und ihnen sagen, dass wir sie in den alten Zimmern am Parkplatz unterbringen? Selbst mit den Kegeln quer über die Zufahrt kann es sein, dass sie dachten, sie würden hier im Haupthaus bleiben.“

„Haben sie es mit ihrem Gepäck hier rauf geschafft, werden sie es auch noch einmal runter schaffen. Ich gehe nicht raus in diesen Regen.“

 
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