Spider!

 

Die Verbindung in die Zeiten der Stummfilm-Ära geschieht mit Hilfe kryptischer, spinnenähnlicher Symbole. Wie in den vorherigen Romanen ist dieses metaphysische Konstrukt sehr ausgefeilt:

Gegner, die nur in zwei Dimensionen existieren! Ich hielt diese Idee für hochinteressant, seit ich Cordwainer Smiths Erzählung „Das Spiel Ratte und Drache“ las. Da diese Wesen per Definition ohnehin dimensional gehandicapt wären, warum dann nicht auch gleich in der vierten Dimension? Sie nehmen die Zeit nicht wahr, also ist jedes Zusammentreffen dieser Kreaturen mit Menschen aus ihrer Sicht ein- und dasselbe Ereignis. Bewegt man sich also an ihrer Sicht entlang, kann man kurzzeitig an allen Treffen teilhaben, die das jeweilige Wesen mit Menschen hatte – und zwar egal, ob es schon stattgefunden hat oder erst noch stattfinden wird.

Tatort: Hollywood

Wie schon in Last Call, Three Days to Never und mehreren kürzeren Werken ist wieder Los Angeles, im speziellen der Stadtteil Hollywood der Handlungsort. Die Heimat der US-amerikanischen Filmindustrie hat neben dem weltberühmten Glamour auch viele Mysterien und Schattenseiten vorzuweisen, die Tim Powers im Stile seiner Secret Histories aufgreift und auf seine Weise erklärt. So werden neben Stars der Stummfilmzeit auch die Stadt und ihre Studios zu Akteuren. Hier einige Fakten:

  • 1853 gab es am späteren Standort nur eine Lehmziegelhütte
  • Seinen Namen erhielt die Gemeinde 1886 vom Immobilienmakler Harvey J. Whitley, 1907 wurde Hollywood nach Los Angeles eingemeindet
  • 1910 wurde hier der erste Film gedreht, in den zwanziger Jahren waren es 85% der gesamten US-Filme
  • Die fünf großen Studios dieser Zeit waren Warner Brothers (gegr. 1920 - Stars unter Vertrag: Al Jolson, James Cagney, Humphrey Bogart), Paramount (1914 - Stars: Marlene Dietrich, Clara Bow, die Marx Brothers, WC Fields ), MGM (1924 - Stars: Norma Shearer, Joan Crawford), RKO Radio Pictures (1928 - Stars: Fred Astaire und Ginger Rogers) und 20th Century Fox (1914 – Stars: Janet Gaynor, Will Rogers, Shirley Temple).
  • Das United Artists Studio wurde 1919 u. a. von Charles Chaplin gegründet, um Filmschaffenden Unabhängigkeit zu verschaffen - eine Herausforderung für die großen Fünf.
  • Der Hollywood-Schriftzug, ursprünglich Hollywoodland, wurde 1923 als Werbung für eine Maklerfirma errichtet
  • Der erste abendfüllende Stummfilm Birth of a Nation (1915) verursachte Rassenunruhen in Philadelphia und Boston
  • 1922 erschienen sowohl der erste Film komplett in Farbe als auch der erste 3D-Film, der erste Tonfilm folgte 1927
  • Die Zwanziger waren voller Skandale – die aufsehenerregendsten waren der Tod von Virginia Rappe und der folgende Arbuckle-Skandal, die Frage ob Rudolf Valentino homo- oder bisexuell war, das ausschweifende Leben von Clara Bow und Tallulah Bankhead sowie der Drogen- und Alkoholkonsum von Mabel Normand, Wallace Reid und Barbara La Marr.
  • 1930 endeten die Freiheiten: Will Hays und die MPPDA erließen "The Don'ts and Be Carefuls" – den sogenannten Hays Code, der moralische Standards für Filmproduktionen und Stars. Hays nannte 117 Schauspieler, deren Privatleben für Hollywood-Filme ungeeignet erschien.

Die folgende Karte von 1923 zeigt einige der Handlungsorte des Romans – den späteren Standort des Caveat-Anwesens (I), das Garden of Allah Hotel (II) und den Tatort der Ermordung William Desmond Taylors (III).

Eine größere Variante der Karte findet sich hier.

Garden of Alla(h) Hotel


Es war Gegenstand von Romanen und Filmen, wurde besungen und war der Zufluchtsort der Reichen und Schönen. Ursprünglich ein Sunset Boulevard-Anwesen des Maklers William H. Hay - daher auch der vorherige Name Hayvenhurst – verkaufte Hay es 1919 an die aufstrebende Schauspielerin Alla Nazimova. Mit dem abzusehenden Ende ihrer Karriere 1927 ließ diese 25 weitere Villen errichten und vermietete sie.  Die Investition brachte ihr kein Glück, schon ein Jahr später musste sie ihre Anteile verkaufen. Dennoch war sie die Namensgeberin des ursprünglich „Garden of Alla“ genannten Hotels, das „h“ wurde erst später angefügt. Prominente Gäste waren zum Beispiel F. Scott Fitzgerald, die Marx Brothers, Ginger Rogers, Humphrey Bogart, Edgar Rice Burroughs und Errol Flynn. Über die Jahre wechselten die Besitzer mehrfach, bis 1959 der endgültige Abriss begann und ein Einkaufszentrum errichtet wurde. Zu einer letzten Party, bei der mehr als eintausend Gäste erschienen - verkleidet als frühere Berühmtheiten - wurde zu Ehren der Gründerin ihr bekanntester Film Salomé gezeigt.

Alla Nazimova

Sie eroberte die Bühnen Europas und schließlich den Broadway im Sturm, wurde für ihre Darbietung in Stücken von Ibsen und Tschechow frenetisch gefeiert. Nach turbulenter Kindheit in Russland verließ sie 1905 ihre Heimat und versuchte in New York ihr Glück. Ihre große Popularität führte sie schließlich nach Hollywood, wo sie 1916 ihren ersten Film drehte. Der große Erfolg ermutigte sie, selbst Drehbücher zu schreiben und Filme zu produzieren. A Doll’s House (1922, nach Henrik Ibsen), Salomé (1923 nach Oscar Wilde) und weitere waren jedoch Misserfolge, so dass sich Nazimova ab 1925 aus dem Filmgeschäft zurückzog und zurück an den Broadway wechselte. Nazimova war mehrfach verheiratet bzw. gab dieses vor, während sie Beziehungen zu einer Reihe anderer Frauen einging. Von ihr stammt auch die Bezeichnung The Sewing Circle (Der Nähkreis) für diese Gruppe homo- oder bisexueller Schauspielerinnen und Autorinnen. Nach kurzer Rückkehr ins Filmgeschäft starb sie 1945.

Rudolph Valentino

Rodolfo Alfonso Raffaello Piero Filiberto Guglielmi di Valentina d’Antonguolla, so sein richtiger Name, wurde 1895 in Italien geboren. Sein exzentrisches Verhalten als Kind zog den Verweis mehrerer Schulen nach sich, er versuchte sich erfolglos in der Landwirtschaft und wanderte 1913 schließlich in die Vereinigten Staaten aus. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, hin und wieder arbeitete er als Tänzer und als Statist in ersten Filmproduktionen. Der Durchbruch kam mit der Hauptrolle in The Four Horsemen of the Apocalypse (1921), mit einem Tango schon in seiner ersten Filmszene eroberte er die Herzen des vorrangig weiblichen Publikums. Dieser Erfolg wurde mit den Folgerollen in The Sheik (1921 – Rolle des Scheich) und Blood and Sand (als Torero) ausgebaut. Vom Image des Latin Lovers, für das er von der Presse unter anderem als „pinkfarbene Puderquaste“ beschimpft wurde, konnte er sich trotz intensiver Bemühungen nicht wieder lösen. Auch sein Privatleben verlief nicht reibungslos, die Ehe mit Jean Acker war reine PR, seine zweite Frau Natacha Rambova erwies sich als herrschsüchtig und abweisend. 1926 starb Valentino im Alter von 31 Jahren an einer Bauchfellentzündung, sein früher Tod setzte zahllose Spekulationen und Verschwörungstheorien in Gang, die von einem vorgetäuschten Tod bis zu Vergiftung reichten. Folgerichtig haben er und seine Frau Natacha Rambova in der fünften Staffel der Serie American Horror Story: Hotel ihren Auftritt.

Natacha Rambova

Bekannt wurde sie als Frau an der Seite Valentinos, doch ihre Fähigkeiten und Interessen waren weit gefächert. Als Winifred Kimball Shaughnessy in Salt Lake City geboren erhielt sie eine fundierte Ausbildung in Europa. Zurück in New York lernte sie bei der Imperial Russian Ballet Company Theodore Kosloff kennen und wurde seine Geliebte. Kosloff erwies sich als jähzornig und besitzergreifend, als sie ihn verlassen wollte schoss er ihr in den Fuß. Über Kosloff lernte sie auch Alla Nazimova und Rudolph Valentino kennen. In der Folge war sie für Kostüme und Ausstattung verschiedener Filmproduktionen verantwortlich, nach der Heirat mit Valentino kontrollierte sie zunehmend seine Aktivitäten und geriet bei den Filmstudios in Verruf. Es folgten Scheidung, eine weitere Heirat und ein Aufenthalt in Europa, bevor sie 1940 nach New York zurückkehrte. Ihr restliches Leben widmete sie metaphysischen Forschungen, hielt Seminare über Astrologie und gab entsprechende Bücher heraus. 1966 starb sie im Alter von 69 Jahren.

Salomé (1923)

Rambovas Adaption des gleichnamigen Stücks von Oscar Wilde mit Alla Nazimova in der Hauptrolle zählt zu den ersten Art-Filmen, war aber in finanzieller Hinsicht ein katastrophaler Reinfall und verursachte einen Skandal. Charles Bryant (damaliger Ehemann von Nazimova) führte Regie in dem $350.000 verschlingenden nur 74 minütigen Film in schwarz/weiß. Natacha Rambova schrieb unter Pseudonym das Drehbuch selbst, ebenso zeichnete sie für die Kostüme verantwortlich, deren Materialien extra aus Paris beschafft wurden. Die Vorlage des Designs lieferten die Illustrationen von Aubrey Beardsley für die Buchausgabe der Tragödie. Als Darsteller wurden – so Gerüchte – nur homo- oder bisexuelle Schauspieler besetzt. Letztendlich ging der Film vollständig am Geschmack der Zuschauer vorbei und bedeutete das Ende der Karrieren vieler Beteiligter in Hollywood.

Aubrey Beardsley

Beardsley war eine führende Figur des Ästhetizismus, er beeinflusste mit seinen japanischen Holzschnitten nachempfundenen Tuschezeichnungen maßgeblich den Jugendstil. Geboren 1872 in Brighton wurde eine Parisreise 1892 zum auslösenden Element. Illustrationen für die Werke Thomas Mallorys und schließlich Oscar Wilde – vor allem für die englische Ausgabe von Salomé – verschafften ihm Bekanntheit. In den wenigen Jahren seines Schaffens gelang Bearsley ein enormer Ausstoß an Werken, immer angetrieben von der Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden Todes (er war mit Tuberkulose diagnostiziert wurden). Neben düsteren Zeichnungen voll grotesker Erotik veröffentlichte er auch Karikaturen und politische Cartoons und war eine der kontroversesten Künstler seiner Zeit. 1897 konvertierte er zum Christentum und bat seinen Verleger um die Vernichtung all seiner obszönen Bilder, eine Bitte, der dieser nicht entsprach.

Ein Jahr später erlag Beardsley seiner Krankheit.

Theodore Kosloff

In der Welt des Balletts würdigt man ihn vorrangig der Entdeckung Agnes de Milles, doch Theodore Kosloff war selbst ein begnadeter Tänzer, der immerhin 18 Pirouetten in Folge drehen konnte. Ausgebildet am Bolschoi-Theater tourte er mit dem Ballets Russes (hier traf er auch auf Natacha Rambova) und lernte in den USA den einflussreichen Produzenten Cecil B. De Mille kennen, der ihm Rollen beim Film verschaffte. Derart protegiert spielte Kosloff ab 1917 in einer Vielzahl Stummfilme, bis sein Akzent ihm den Übergang in die Tonfilmproduktion unmöglich machte. Sein letzter Auftritt (mit Ausnahme einiger unbedeutender Nebenrollen) war die getanzte Darstellung der Elektrizität an Bord eines Zeppelins im Musical Madam Satan 1930. Außerdem war Kosloff als Choreograph tätig, er eröffnete Ballettschulen im Gebiet von Los Angeles und unterwies Schauspieler in Fechten, Pantomime und Tanz. 1956 verstarb Theodore Kosloff im Alter von 74 Jahren.

Ebenso wie Rudolph Valentino, Alla Nazimova, Thomas Ince und Clara Bow wurde er mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt.

Clara Bow

Sie war ein weiterer Star der Stummfilmära, zählte zu den bekanntesten Flappers (kurze Haare, kurze Röcke, Jazz, Partys und Affären). 1905 geboren, drehte sie mit 17 ihren ersten Film. Kurz darauf zählte sie nach den Erfolgen von The Plastic Age (1925) und Wings (1927) zu den gefragtesten Schauspielerinnen Hollywoods. Mit ihrem Auftritt im Film It (1927) wurde sie zur Namensgeberin für den Typus der It-Girls. Unter ihren vielen Affären fanden sich berühmte Namen wie Gary Cooper, Victor Fleming und auch Bela Lugosi. Letzterer war von Bow derart fasziniert, dass seine gerade frisch geschlossene Ehe in die Brüche ging und er ein Aktgemälde von ihr in Auftrag gab, dass Zeit seines Lebens - Lugosi starb 1956 - die Wand seiner Wohn- oder Arbeitszimmer zierte. 2013 wurde das Bild für $30 000 versteigert.

Mit dem Aufkommen des Tonfilms sank Clara Bows Stern sehr schnell, trotz kurzer Comebacks konnte sie dem veränderten Publikumsgeschmack nicht mehr gerecht werden. Mentale Probleme und schließlich Schizophrenie begleiteten sie bis zu ihrem Tod 1965.

Thomas Ince - Opfer der Medusa-Spider?

Thomas H. Ince revolutionierte die Filmproduktion, errichtete ein eigenes Studio und produzierte mehr als 800 Filme. Er war Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur, galt als eine der einflussreichsten Personen Hollywoods. Rätselhaft ist sein Tod: Medientycoon William Randolph Hearst (Vorbild für Welles‘ Citizen Kane, u. r.), veranstaltete am 16. November 1924 eine Feier anlässlich Ince’s 44. Geburtstag an Bord von Hearsts Jacht Oneida. Offiziellen Angaben zufolge beklagte sich Ince über Bauchschmerzen und starb wenig später an Herzversagen. Es gab anderslautende Gerüchte: Hearst verdächtigte den ebenfalls anwesenden Charles Chaplin, eine Affäre mit Hearsts Mätresse Marion Davis (unten bei der Begrüßung Inces an Bord der Oneida) zu haben. In seiner Wut schoss er auf Ince, den er mit Chaplin verwechselte und tötete ihn mit einem Kopfschuss. Anschließend nutzte er seinen Einfluss zur Vertuschung. Das würde auch die LA Times-Schlagzeile  „Movie Producer Shot on Hearst Yacht!“ erklären, die schon in der Abendausgabe mit der "natürlichen Todesursache" ersetzt wurde. Welche der Versionen die richtige ist, oder gar die aus „Medusa’s Web“, bleibt ein Geheimnis.

William Desmond Taylor

Ein weiterer ungelöster Todesfall, dieses Mal eindeutig Mord, ist der von Regisseur und Schauspieler William Desmond Taylor. Der irischstämmige Taylor führte bis Anfang der Zwanziger Jahre in 59 Filmen Regie und war als Schauspieler in 27 Streifen aufgetreten.

Am 2. Februar 1922 wurde Taylors lebloser Körper in seinem Appartment in Westlake, LA gefunden. Ein Mann, der sich selbst als Arzt ausgab, drängte sich durch die Menge der Schaulustigen und untersuchte Taylor. Er stellte die Diagnose Tod durch ein Magenbluten und verschwand, ohne dass je seine Identität festgestellt werden konnte. Erst genauere Untersuchungen fanden in Taylors Rücken ein Einschussloch mit kleinem Kaliber. Anhand der vorhandenen Wertgegenstände wurde Raub als Motiv ausgeschlossen und Spekulationen brandeten auf. Die Kammerdiener Taylors, Schauspielerinnen und mögliche Erpresser, letztendlich konnte trotz des gewaltigen Aufsehens kein Täter festgenommen werden.

Bestsellerautor William J. Mann, Hollywood- und Filmexperte, verfasste über die Ereignisse das Buch „Tinseltown: Madness, Morphine and Murder at the Dawn of the Movies“ (2014), in dem er zu eigenen Ergebnissen kommt.

La Mano Negra

Gab es sie oder gab es sie nicht?

Die schwarze Hand soll eine Anarchistenbewegung in Andalusien zum Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein, bis heute ist jedoch nicht klar, ob die Organisation nur eine Erfindung der damaligen Regierung war, um ihre Niederschlagung von Revolten im Süden Spanien zu rechtfertigen. Vorrangig wurde ihr Schutzgelderpressung vorgeworfen, mehrere angebliche Mitglieder wurden veruteilt und öffentlich hingerichtet.

 
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