An Epitaph in Rust

Buch Eins: Rufus Pennick

Kapitel 1 Bruder Thomas

Als das Glockenspiel durchs Tal zum Morgengebet rief, schlug Bruder Tomas den rostigen Riegel des höchsten Turms des Klosters zurück und öffnete die Tür. Er stieg vorsichtig auf die flachen Steinblöcke des Turmdachs und tastete sich durch die völlige Dunkelheit, bis er die zerbröckelte Brustwehr erreichte. Ein kalter Nachtwind wehte vom Süden herauf und es fröstelte ihn, als er seinen Talar zum Ablegen von zwei Bündeln öffnete.

Von unten drangen die feierlichen Stimmen der Brüder von St. Merignac bei ihren Mitternachtsgebeten. Ich hoffe, sie sind alle zu müde, um meine Abwesenheit zu bemerken, dachte Thomas. Gott weiß, dass ich nie besonders wach bei den Morgengebeten war.

Er kniete nieder und öffnete seine Bündel. Das erste enthielt zwei biegsame Stöcke, die man zu einer langen, sich verjüngenden Rute mit einem schweren Korkgriff zusammenstecken konnte. Eine Reihe zur Spitze hin schmaler werdender Metallringe lief die Oberseite entlang. Er nahm eine Angelrolle aus seiner Tasche, klemmte sie an den Griff und fädelte die Sehne vorsichtig durch die Ringe. Zu guter letzt befestigte er einen glänzenden Haken am Ende der Sehne und lehnte die Rute gegen die Brustwehr.

Das andere Bündel bestand einfach aus zwei in ein diamantförmiges, mit Faden verstärktes Blatt schwarzes Papier eingepackte Holzstäbe. Bruder Thomas steckte die Stäbe zu einem Kreuz zusammen, bog sie und spannte das Papier wie eine Haut darüber, die Fäden klemmte er in die Kerben an den Enden der Stäbe.

Nicht schlecht, dachte er, als er den Angelhaken sorgsam durch die Vorderseite des Drachens bohrte, um die gekreuzten Stäbe wickelte und das hakenbestückte Ende wieder herauszog. Mit ein wenig Glück sind meine Tage in diesem Kloster gezählt.

Er stand auf und spähte über die rissige Brüstung nach unten. Die hohen Kapellenfenster warfen Strahlen farbigen Lichts über das Gras des Gartens, die Weinberge dahinter raschelten in der Finsternis. Genau das Bild ungestörter Routine, stellte Bruder Thomas mit Genugtuung fest.

Aus einer anderen Tasche nahm er eine Halskette aus billigen Glassteinen und knüpfte sie an den Haken. Dann hob er den Drachen auf, ließ ihn vom Wind ergreifen und gab langsam Leine nach, als der Drache bockend und schwingend in den Nachthimmel stieg. Nachdem er etwa fünfzig Meter Leine abgerollt hatte, setzte er sich zum Schutz vor dem Schlimmsten des Windes hinter die Brutwehr und wartete einfach.

Na los, dachte er. Bring mir einen Reichen. Einen mit einem guten Auge – aber nicht zu gut in Bezug auf die Glassteine.

Der Wind wehte einen Hauch der Stadtgerüche zu Bruder Thomas, einen schwachen aromatischen Rauch aus den Kaminen hunderter Restaurants, Schmieden, Bäder und Verbrennungsöfen. Er war definitiv verlockender als die Gerüche von feuchter Erde, Kiefernsaft und Weihrauch des Klosters.

Ein mattes Flügelgeräusch und Zwitschern war über dem Seufzen der Brise hörbar und er griff die Rute noch fester. Er spürte Beklemmung in der Brust und seine Finger zitterten ein wenig. Ich hoffe, sie sind nicht zu laut, dachte er.

Dann tanzte die Rute in seinen Händen und die Rolle schwirrte als Meter um Meter Sehne ruckartig in den Himmel gezogen wurden. Sein leicht angepresster Daumen spürte die aufgespulte Sehne in kürzester Zeit abnehmen. Er sollte schnell ermüden, dachte er, oder ich habe Dreißig-Pfund-Angelschnur für zwei Dollar verloren.

Die Sehne zischte eine ewig gedehnte halbe Minute hinaus und stoppte dann. Sofort verriegelte er die Rolle. Das Ding schien nun hoch oben zu kreisen, da Bruder Thomas auf dem dunklen Dach hin und her stolperte und er versuchte, die Schnur so stetig wie möglich einzuholen. Das Ding am Himmel leistete Widerstand, aber mit zunehmend schwächeren und krampfhafteren Versuchen.

„Verdammt, verdammt!" kam ein gellender Schrei von oben. „Was gibt’s"? Was gibt’s? Thomas zuckte so plötzlich zusammen, dass er beinahe die Rute hätte gehen lassen. Herr im Himmel, dachte er, sie können sprechen. Ich wünschte der hier könnte es nicht.

„Lassmich, Jack. Gehenlassen. Ich war’s nicht, Jack.“ Die flatternde protestierende Kreatur war nun nur wenige Meter Thomas’ Kopf und der junge Mönch riss die Rute nach unten, um den lärmenden Flieger nach unten zu schleudern.

„Huu!“ jammerte das Ding verzweifelt. „Wuuhuu!“

„Halt den Mund, gottverdammt!“ fauchte Thomas. „Ich werde dir nicht zuleide tun!“

Thomas griff den kleinen Vogelmensch bei den dürren Beinen und entfernte ungeschickt den Haken aus der mit Haut verwachsenen Hand des Wesens. Es noch immer fest im Griff haltend langte Thomas in die warme Tasche des känguruähnlichen Beutels des Vogelmanns und entnahm ihm eine handvoll glitzernder, harter Gegenstände. „Da!“ sagte Thomas zu ihm. „War doch nicht so schlimm, oder? Nun verschwinde!“

Er warf es in die Luft, es breitete seine Schwingen aus und entschwand in die Nacht, nicht ohne kindische Beschimpfungen und Obszönitäten zurückzurufen.

Thomas wischte seine schweißnasse Stirn mit dem Ärmel und lauschte gespannt. Keine hörbare Aufruhr, dachte er – aber dieses Spektakel muss doch jemand gehört haben. Er schöpfte schnell die Beute aus des Fliegers Beutel und ließ es in die Tasche seiner Kutte fallen. Keine Panik, beruhigte er sich selbst. Schleich dich zurück in deine Zelle, kriech ins Bett und streite alles ab.

Er nickte zur Weißheit seines eigenen Rats, eilte die engen gewundenen Stufen der Turmtreppe hinunter, seine Angelrute und Drachen in der einen Hand und die Fingerspitzen der anderen an den feuchten Steinen der Wand, um ihn vom ungesicherten inneren Rand fernzuhalten. Er keuchte vor Nervosität und die Echos im Turm erzeugten ein Geräusch, als ob hier ein Rudel gehetzter Hunde Zuflucht gesucht hätten. Gott, dachte er – ich mache genug Lärm für zehn Männer. Ich sollte mich besser beeilen.

Er versuchte zwei Stufen auf einmal zu nehmen. Augenblicklich rutschte er in seinen Sandalen auf den unebenen moosbewachsenen Blöcken aus und fiel schmerzhaft die letzten zwölf Stufen hinunter. Er schlug sich das Knie auf und zersplitterte seinen Drachen und die Angelrute.

„Gottverdammt!“ murmelte er, als er am Fuß der Treppe wieder zu Atem kam. Die Herstellung der Angelrute hatte ihn sechs Monate heimlicher Arbeit gekostet. Gerade als er wieder auf die Füße kam und seine Flucht fortsetzen wollte, wurde die Stille abrupt unterbrochen.

„Das ist Gotteslästerung, Bruder Thomas“, sagte eine raue Stimme, „obwohl an sich schon bedauerlich, verblasst sie im Angesicht der Schwere deines anderen Verbrechens.“ Der Besitzer der Stimme öffnete das Türchen einer abgedunkelten Laterne, die er mit sich trug und Thomas schaute in das halb verärgerte, halb traurige Gesicht von Bruder Olaus, dem Abt, der in der offenen Tür stand.

 
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