Tim Powers Homepage - Sonntag, 15. September 2019
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Himmelsfischen

Als Thomas vom Dach der Abtei aus im Himmel fischt und einen Vogelmenschen fängt, der zudem auch noch sprechen kann, beginnen für ihn schier endlose Probleme. Wie kam es dazu?

Ich sah im College einen Kurzfilm, in welchem ein Mann den Strand entlang geht und in der Brandung angelt. Er wirft seine Schnur aus und zieht Fisch an Land, und schließlich findet er zufällig ein Lunchpaket auf dem Strand. Als er ein Sandwich herausnimmt und hinein beißt, strafft sich eine Schnur aus dem Meer und zieht ihn in die Brandung. Diese Idee des "umgekehrten Fischens" beeindruckte mich ungemein und ich fragte mich, wie es wäre, wenn das übliche oben-und-unten umgekehrt würde - dass ein Mann aufwärts fischte. Wonach würde er fischen?

"Laser Books... - die Zweite!"

Nach den schon ein wenig seltsam anmutenden Regeln und Verfahrensweisen beim Erstling entwickelte sich der Folgeband bei Laser Books zum Albtraum. Das fing beim Titel an, in dem das Wort An weggelassen wurde, die Verleger verweigerten dem Autor das Tim anstelle von Timothy. Schlimmer noch, der Text war über weite Strecken komplett neu geschrieben wurden.

Ein Beispiel:Thomas ist zu Beginn gezwungen, aus einer Schenke zu fliehen. Um den einzigen Weg frei zu bekommen, wirft er einen Pudel in einem blauen Hunde-Sweater durch die Scheibe und entkommt nach draußen (für alle Tierfreunde - der Hund übersteht es unverletzt). Der Lektor bei Laser verpasste dem Hund zur Sicherheit gleich einen "kugelsicheren blauen Sweater". Auch die Zeitangaben wurden in eine Form gebracht, dass sie fast als Zen-Koan durchgingen. Viele Teile des Textes waren bis zur Sinnfreiheit gekürzt.Nach Erhalt der Korrekturfahnen machte Tim Powers einen Teil der Änderungen rückgängig, nur um nach Drucklegung des Buches dann festzustellen, dass seine Korrekturen ignoriert worden waren.

Im Allgemeinen akzeptiert Tim Powers rückblickend die Schwächen seiner Frühwerke und lehnt auch das Umschreiben ab, aber An Epitaph in Rust in dieser Form bildet die Ausnahme. NESFA-Press nahm sich des Problems an und veröffentlichte die ursprüngliche uneditierte Form. Seitdem signiert Tim Powers das Buch auch wieder gern.

Die großen Dichter

Neben William Ashbless, der hier erstmals erwähnt wird, spielt das Werk William Shakespeares in den Veröffentlichungen von Tim Powers die größte Rolle. Wie es euch gefällt soll von der vorgeblichen Theatergruppe aufgeführt werden, Thomas ist als Darsteller beteiligt.

Das vermutlich 1599 verfasste Stück zählt zu den bekanntesten des Dichters. Im Verlauf der Handlung wird Herzog Senior von seinem Bruder entmachtet und verbannt, seine Tochter Rosalind bleibt zurück. Sie verliebt sich in Orlando, der jedoch vor seinem Bruder fliehen muss, und sie folgt ihm. Beide verlieben sich ineinander, der Reigen aus Täuschung und Liebe bei den verschiedenen Paaren, Intrigen und Machtkämpfen ist wohl einzigartig.

Dennoch wird der aufmerksame Leser die verschiedenen Elemente aus Shakespeares Stück problemlos in An Epitaph in Rust wieder erkennen.

Das Schicksal der Akteure

Thomas entkommt knapp der wütenden Meute Mönche, wird fast hinterrücks erschossen, gerät in Schießereien mit Androiden und muss die Verstümmlung seiner Hand hinnehmen. Trotzdem hat er damit noch Glück gehabt.

Akteur in einem Tim Powers-Buch zu sein ist ein hartes Los, ausnahmslos erleiden sie schwerste Entbehrungen und Verletzungen an Körper und Seele, mitunter ist die Aufgabe eines von beiden unabdingbar.

Zudem sind es meist Personen ohne besondere Fähigkeiten, die nur zufällig in den Strudel der Ereignisse geraten und ungewappnet ums Überleben kämpfen müssen. Da kann die Freigiebigkeit ihres Schöpfers mit Alkohol letztendlich auch nur ein schwacher Trost sein.

Ich denke da immer an einen der Arnold Schwarzenegger-Filme, ich weiß nicht mehr welchen, aber in ihm rennt Arnold Schwarzenegger über einen Rasen von der Größe eines Football-Stadions, während acht Männer Dauerfeuer mit Maschinengewehren auf ihn schießen und er springt in die Büsche am anderen Ende und ist nicht einmal getroffen worden! Und dieser Film, dem ich bis dahin voller Spannung gefolgt war, erschien mir plötzlich höchst unglaubwürdig. So dachte ich mir, mach nicht diesen Fehler.

Also möchte ich, dass meine Charaktere in einer gefährlichen Situation auch verletzt werden. Im Idealfall werden meine Leser dann sagen „He, diese Leute sollten besser aufpassen, sie können verletzt werden. Sie sollten es lieber ruhig angehen“. So habe ich nicht diesen Bruch in der Glaubwürdigkeit, wenn sie nie einen Kratzer abbekommen.

Ich will auch, dass der Held aus den Ereignissen, die das Buch aufzeichnet, am Ende nicht nur verändert ankommt – das machen alle Romane – sondern dass er davon gebrochen ist. Er soll nicht nur anders sein, er soll hinken und nicht nur für ein oder zwei Monate, sondern für immer. Wahrscheinlich benutze ich physische Verletzungen und Amputationen als Symbolik für eine eher geistige Art der Amputation, aber ich will definitiv beides. Am Ende ist die Person dann weiser, und vielleicht auch vorsichtiger. Ich möchte, dass Konsequenzen von Handlungen sichtbar werden.

Einflüsse

Prinzipiell weist diese Konzeption für handelnde Personen vielfältige Parallelen mit den Werken Philip K. Dicks auf, der ein langjähriger Freund von Tim Powers war und diesen wohl beeinflusste.

Ich weiß nicht genau, welche Art "Schaden" ich durch ihn davontrug. Vielleicht mehr als ich ahne. Ich lernte, dass Charaktere, selbst in unheimlicher Literatur, besonders in der wirklich unheimlichen Literatur, eine Arbeit haben müssen, die sie auch brauchen. Sie haben vielleicht Romanzen, die nicht so gut laufen. Ich lernte, dass der wahrhaft gruslige Stoff praktisch das genaue Gegenteil des Typs in Skimaske mit Kettensäge ist.
Und ich lernte, dass wenn du dich zum Schreiben von Romanen im 20. Jahrhundert auch in der davor verfassten Literatur auskennen solltest. Und ich glaube, ich lernte von ihm, dass die Bösen sich selbst nie als böse ansehen - ein sehr beunruhigender Gedanke.

Androiden

Die Ereignisse in Los Angeles resultieren aus der Einführung von Androiden als Polizisten. Bei genauerer Betrachtung ist dies das einzige Mal, dass Roboter eine Rolle in einem Tim Powers-Roman spielen. Die Auflösung und mehrere typische Versatzstücke machen An Epitaph in Rust trotz Schwächen zu seinem am stärksten von Dick (vor allem dem Frühwerk) beeinflussten Roman.

Passend dazu feierte der Grand Master der SF 2004 als Android der Firma Hanson Robotics seine Auferstehung. Der Roboter funktionierte völlig autonom und war in der Lage, gesprochene Sätze zu analysieren und passende Antworten zu geben. Leider ging der Android 2006 auf einer Flugreise verloren: Sein Schöpfer Robert Hanson vergaß ihn im Staufach über den Passagiersitzen, nachdem der Flug umgeleitet wurde - interessanterweise nach Orange County, Dicks langjährigem Wohnsitz.

2011 wurde er durch ein neues, verbessertes Exemplar ersetzt. Außerdem hat Hanson Robotics noch eine "Person" auf Lager, die für alle Leser interessant sein dürfte - den Protagonisten aus Three Days to Never Albert Einstein.