Interview mit Tim Powers, 2013, für "Die Tore zu Anubis Reich"-Website

Neues Jahr, neues Interview: Anfang März 2013 belästigte ich Tim erneut, um ein paar Informationen darüber zu erhalten, was uns in naher Zukunft erwartet.

Ein weiteres Jahr hat begonnen und eine neue Novelle ist erschienen - Salvage and Demolition. Könntest du uns bitte kurz erzählen, was den Leser darin erwartet und wie du zu diesem Stoff gekommen bist - gibt es also reale Ereignisse als Handlungshintergrund oder ist es reine Fiktion?

Salvage and Demolition ist in der realen Welt des Jahres 1957 angesiedelt, allerdings spielen keine historischen Ereignisse oder Charaktere eine Rolle - die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Eigentlich hatte ich daran gedacht, einen Roman daraus zu machen, aber als ich mich hinsetzte und die Handlung ausarbeitete, stellte ich fest, dass der Plot keinen ganzen Roman hergeben würde. Als ich das Konzept dann John Berlyne zeigte, stimmte er zu. Oder er wies mich darauf hin und ich stimmte zu. Es begann alles mit einer Idee, die Allen Ginsberg einschloss, aber als die Arbeit am Entwurf fortschritt, fiel er heraus - vielleicht schreibe ich eines Tages etwas anderes mit ihm.

Hide Me Among the Graves ist dein zuletzt erschienener Roman. Es ist ein außergewöhnliches Werk, nicht zuletzt durch die gekonnte Verschmelzung von Fakten und Fantasie. Betrachtet man die derzeit sehr populären eher grellen und aktionsreichen Kreationen der Fantasy - vor allem des Steampunks - und deren verrückte Nutzung historischer Charactere, stellt sich mir die Frage, wie du die Balance zwischen den realen historischen Ereignissen und den erfundenen Teilen hältst. Gehst du auf einer der beiden Seiten eher Kompromisse ein?

Ich stelle immer die wirklichen Geschehnisse und Personen zusammen und versuche dann, übernatürliche Ereignisse in sie hinein zu interpretieren und um sie herum zu stricken. Kompromisse (und ich hoffe da gibt es nur wenige!) müssen in meinen erfundenen Teil und auf keinen Fall in die historisch belegten Geschehnisse. Und ich vermeide es, Persönlichkeiten in einer für sie untypischen und unglaubhaften Art und Weise agieren zu lassen, obwohl ich sie natürlich Belastungen aussetze, die sie tatsächlich nicht kannten.

Mir gefiel unter anderem der magische Straßenkehrer, der Spuren von Personen verschwinden lassen konnte - woher stammt diese Idee?

Es gab wirklich einen Londoner Straßenkehrer, der nur einen ganz bestimmten kleinen Betrag als Lohn für seine Arbeit akzeptierte; gaben ihm Passanten mehr als diesen bestand er auf der Rückgabe des Wechselgeldes - ich habe lediglich das übernatürliche Element zu dem Dienst, den er anbot, hinzugefügt.

Trotz aller rasanten Ereignisse erschien mir Three Days to Never in der Stimmung als ein "leichtes" Buch, vor allem durch die Hauptperson Daphne. Hide Me Among the Graves fühlt sich demgegenüber wieder sehr düster und deprimierend an - das hervorragende Beispiel einer Gothic Novel. Bei Betrachtung vieler deiner Romane fällt mir auf, dass du Themen, die andere schrill und lustig behandeln (zum Beispiel Piraten), eher komplex und finster herangehst. Kannst du das erklären?

Ich bin mir keiner Unterschiede in der Erzählweise meiner Romane bewusst. Natürlich handeln sie immer von übernatürlichen Bedrohungen und daraus resultiert auch immer eine finstere und beängstigende Atmosphäre, aber ich denke dass ich die Bücher dennoch nicht zu düster schreibe. Viele Abschnitte erscheinen mir sogar sehr witzig und die Protagonisten kommen auch prinzipiell in annehmbarem Zustand aus den Ereignissen heraus. Ja, sie sind meiner Meinung nach sogar fröhlich.

Hide Me Among the Grave/Stress of Her Regard: Mir kommt es zuweilen so vor, als würde sich dein Schreibstil der Ära anpassen, über die du schreibst. Hast du zu diesem Zweck die Werke der handelnden Schriftsteller (Byron, Shelley) studiert?

 Ich glaube, das ist eher zufällig passiert. Ich habe in der Recherchephase wirklich sehr viele Werke dieser Autoren gelesen und da kann es beim Schreiben über sie einfach dazu gekommen sein - aber die einzige Sache, der ich diesbezüglich direkt Aufmerksamkeit widme, ist natürlich die Vermeidung von Worten oder Redewendungen, die für damals nicht zeitgemäß waren.

Seit Fluch der Karibik - In fremderen Gezeiten sind einige Jahre vergangen und zwischenzeitlich taucht das Filmbusiness immer wieder in deinen Werken auf. Was war das seltsamste Ereignis in Zusammenhang mit der Verfilmung?

Das seltsamste Ereignis, oder aber zumindest das exotischste, war der Besuch am Filmset in den Universal-Studios, als sie gerade beim Drehen einer Szene waren. Dort war eine ganze Welt auf einem abgelegenen Außengelände errichtet, eine Vielzahl Leute kochten Essen und unterhielten sich zwischen den Wohnwagen, in denen sie lebten. Und dann der Nachbau der Lagune, in der sie auf Hawaii gefilmt hatten, in Originalgröße! All das hektische Treiben, als sie eine Szene ausleuchteten und filmten! Die Schauspieler kamen aus den Wagen, trugen ihre Kostüme und wir haben uns mit Johnny Depp unterhalten (meistens über Hunter S. Thompson) und Penelope Cruz, Ian McShane und Rob Marshall. Am Ende wurden wir wieder zu unserem Auto zurückgebracht und hielten unterwegs noch einmal an, um das alte Haus von Norman Bates aus Psycho aufzusuchen. Mittlerweile war es wohl so 1 Uhr nachts und Serena und ich hatten dann noch ein wirklich spätes Abendessen in Canters Deli Fairfax (Anmerkung: Canters Fairfax ist ein im 50er Jahr-Stil gehaltenes Restaurant in Los Angeles) bevor wir nach Hause fuhren. Insgesamt ein seltsamer, verstörender Tag!

Gibt es noch ein Frage, auf die du gern antworten würdest?

Keine, die mir gerade einfällt.

Und natürlich zum Schluss: woran arbeitest du gerade?

Ich zeichne gerade den Entwurf für mein nächstes Buch, welches voraussichtlich im heutigen Los Angeles spielen wird und von seltsamen Folgen handelt, die aus verschiedenen Ereignissen der 20er und 30er Jahre resultieren. Ich weiß noch nicht genau, was ich alles hineinpacken werde, aber mit Sicherheit werden übernatürliche Dinge passieren.

 
Sie sind hier: Extras | Interviews | Interview 2013
Deutsch
English