Interview mit Tim Powers, 2012, für "Die Tore zu Anubis Reich"-Website

Das folgende Interview führte ich Anfang Januar 2012 mit Tim, vor allem um die vorangegangenen zu aktualisieren - inhaltlich dreht es sich um Hide Me Among the Graves und die zuvor erschienenen Novellen, sowie die Verfilmung von In fremderen Gezeiten.

Seit dem Roman Three Days to Never ist einige Zeit ins Land gegangen. In der Zwischenzeit sind vorrangig Novellen und Kurzgeschichten von dir erschienen. Deliver US from Evil ist ein älterer Entwurf für einen Roman. Wie kam es jetzt zur Veröffentlichung und warum in so kleiner Auflage? Wird es durch die Veröffentlichung der „Outline“ nun keinen Roman mehr hergeben - was schade wäre, denn die Pioniertage der Filmindustrie sind sicher eine wahre Fundgrube für „Secret Histories - die geheimen Geschichten hinter der Geschichte“?

Deliver Us from Evil ist ein Handlungsentwurf, den ich circa in den 1980ern schrieb, als ich noch nicht wusste, dass solche Verlagsentwürfe kurz sein sollen! Ich schrieb ihn für Lester del Rey, der zuvor Drawing of the Dark herausgebracht hatte. Aber er mochte Deliver Us from Evil nicht (welches zunächst mit The Stress of Her Regard betitelt war! Ich war immer der Meinung, dass dies ein toller Titel für etwas wäre). Ich hatte das Manuskript Joe Stefko von Charnel House gegeben und der Grund für die Veröffentlichung jetzt war, dass er es wahrscheinlich aus seinen Materialien ausgegraben hat und fand, es könne verlegt werden. Der Grund für die kleine Auflage (126 Exemplare) ist… dass es nur ein Entwurf ist! Eine Kuriosität. Es hat eine Geschichte, ist aber nicht eine wirkliche „Geschichte“.

Und ich könnte den Plot durchaus noch in einem kommenden Roman verwenden! Ich habe bereits eine Menge nebensächlicher Details davon in verschiedenen Erzählungen und Büchern benutzt.

Das zweite wichtige Werk ist sicher A Time to Cast Away Stones, vor allem, da es wunderbar eine Brücke von Die kalte Braut zu Hide Me Among the Graves schlägt. War das so von vornherein vorgesehen - eine Art Trilogie - oder führte dich diese Novelle erst zu deinem neuen Roman?

Nein, A Time to Cast Away Stones war nicht als Brücke zwischen den beiden Büchern geplant! - obwohl es genau das nun ist - und obwohl jeder der drei Teile unabhängig von den anderen beiden gelesen werden kann.

Ich schrieb A Time To Cast Away Stones auf Anfrage von Joe Stefko - 2009 war der zwanzigste Jahrestag von Charnel House‘ erstem Buch, welches Die kalte Braut gewesen war, und er wollte gern dieses Ereignis mit einer Erzählung begehen, die mit dem früheren Buch verknüpft war. Also recherchierte ich was mit Byron nach den Ereignissen von Die kalte Braut passierte und sah, dass die Figur von Edward John Trelawny stark hervorstach und entwickelte die Erzählung um seine Person. Es war eine Überraschung herauszufinden, dass er auch eine Figur im Leben der Rossettis war!

Hide Me Among the Graves ist dein neuestes Meisterwerk und ich muss nach der Lektüre sagen, es ist ein sehr intelligenter, komplexer und spannender Roman. Wie bist du auf die Rossettis als Hauptpersonen gestoßen?

Ich legte mich auf die Rossettis fest, nachdem ich gelesen hatte, dass Dante Gabriel Rossetti sein Notizbuch, in dem er seine Gedichte notierte, in den Sarg seiner Ehefrau legte. Diese hatte gerade Selbstmord begangen, und er ließ das Notizbuch mit ihr begraben - und dann einige Jahre später entschied er, dass die Gedichte es wert wären, veröffentlicht zu werden und ließ sie ausgraben um sie zu bergen! Mein erster Gedanke war: „Warum hat er sie wirklich ausgraben lassen? Offensichtlich waren die Gedichte nur ein Vorwand - er musste etwas anderes dort herausholen wollen, oder etwas hineinlegen.“ Das führte mich dazu, alles über die Rossettis und ihre Bekannten im London der damaligen Zeit zu lesen.

Obwohl das Buch sicherlich alle Bedingungen eines Vampirromans erfüllt ist es doch eher gegen den momentanen Strom romantischer Vampirbücher im Fahrtwasser von Twilight. Siehst du die Gefahr, mit deinem Buch die falschen Leser zu erreichen bzw. jetzige Leser zu verlieren - Leser, die sich für Byron oder Shelley interessieren werden vielleicht nicht nach einem Vampirbuch greifen und umgekehrt?

Ich denke meine Leser sind einfach Leute, die übernatürliche Abenteuergeschichten mögen. Trends kommen und gehen ziemlich schnell und es wäre ein Fehler, auf jeden Zug aufzuspringen, der gerade populär ist. So sind die gegenwärtigen Leser von Twilight vielleicht bald bereit für etwas anderes - oder auch nicht! Am Ende kannst du nichts anderes tun, als Bücher zu schreiben, die dir wert erscheinen, geschrieben zu werden und zwar in der Hoffnung, dass es auch eine angemessene Anzahl Leser gibt, die sie dann lesenswert finden.

Beim Lesen der neuen Bücher und dem Abgleich mit realen historischen Ereignissen war ich wieder verblüfft, wie viele fantastisch erscheinende Geschehnisse tatsächlich passiert sind. Wie gräbst du solche Geschichten aus, und wie wichtig ist die Relation zwischen Fakt und Fiktion - würdest du ein tatsächlich belegtes Ereignis auslassen, wenn es dadurch die Geschichte verbessern würde?

Nein, ich würde nie ein relevantes Ereignis auslassen, von dem die Historie sagt, dass es wirklich passiert ist. Und ich würde es auch nicht zu einem anderen Zeitpunkt passieren lassen als es die Geschichte vorgibt. Auch wenn kaum einer der Leser diese Genauigkeit bemerken wird, will ich immer in der Lage sein sagen zu können: „Nichts davon verletzt die aufgezeichnete Geschichtsschreibung - du kannst nicht beweisen, dass es nicht so war!“ Ich schreibe keine alternative Historie, außer durch (selten auftretende wie ich hoffe) Unachtsamkeiten.

Und tatsächlich liegt es an den aufgezeichneten Ereignissen mir meine Plots zu verschaffen. Alles was ich machen muss, ist, auf diese ganzen Geschehnisse zu schauen, die das wahre Leben zufällig anbietet - vor allem die scheinbar unbedeutenden Seltsamkeiten - und mich selbst zu fragen: „Welche übernatürlichen Erklärungen würden einen zielgerichteten, schlüssigen Sinn in diese zufälligen Ansammlungen aus Geburt, Tod, Liebe, Verrat und Reisen bringen?“ Und wenn ich lang genug hinsehe, aus jedem möglichen Winkel, zeichnet sich eine Story ab.

Viele Jahre sind vergangen, seit ich erstmals das Wort Steampunk hörte, damals mit James Blaylock, K. W. Jeter und dir als Väter benannt. Nun kommt diese Welle in Literatur, Filmen und Spielen mächtiger denn je zuvor zurück. Was denkst du, fasziniert die Fans daran, immerhin konnte ich den Hauch von Dampf auch in den unterirdischen Teilen Londons und den nebelverhangenen Ufern der Themse deines neuen Romans riechen?

Es stimmt, ich habe das viktorianische London - mit Nebeln und Abwasserkanälen und Alleen und Flüssen in diesem Buch. Das viktorianische London ist als Handlungsort einfach zu schillernd um ignoriert zu werden. Und da die Rossettis London nur selten verließen, fiel es mir praktisch in den Schoß.

Steampunk, so wie es sich entwickelt hat, scheint eine Menge mit viktorianischer Wissenschaft und Technologie zu tun zu haben, real oder ausgedacht, aber ich glaube damit hat mein neues Buch überhaupt nichts zu tun - es ist Fantasy und keine Science Fiction - obwohl ich hoffe, dass die Steampunk-Leser es dennoch mögen werden.

Wie waren deine Erlebnisse mit der Verfilmung von Fluch der Karibik - In fremderen Gezeiten? Du hattest dir so etwas lange gewünscht und es kursieren Fotos mit Serena, Johnny Depp und dir darauf, im Internet waren auch Videos von deinem Auftritt bei der großen Premiere des Films zu sehen. Kannst du uns kurz davon erzählen, wie es zu alledem kam, ob du nun endlich eine Jacke mit dem Filmtitel auf dem Rücken bekommen hast (ein lang gehegter Wunsch) und was vielleicht das Seltsamste und Ungewöhnlichste war?

Nun, ich habe keine Jacke bekommen! Aber wir haben die Dreharbeiten besucht und Depp, Penelope Cruz, Ian McShane und Rob Marshall getroffen - und Penelope Cruz‘ Ehemann Javier Bardem. Sie waren alle sehr nett und wir waren auch zur Premiere.

Alles begann als der erste Teil der Fluch der Karibik-Filme herauskam. Disney Studios wandten sich an meinen Agenten und teilten mit, dass wenn sie eine Reihe aus den Filmen machen würden, sie meinen Roman als Vorlage für den vierten Teil kaufen wollten.

Und so beobachtete ich unruhig den Erfolg des zweiten und dritten Teils in der Hoffnung, dass sie gut genug laufen würden, einen vierten zu rechtfertigen. Glücklicherweise war das der Fall und Disney drehte auch den vierten Film und mein Name ist sogar im Abspann, obwohl ich mit dem Schreiben des Filmskripts überhaupt nichts zu tun hatte und er wenig mit dem Originalbuch gemein hat. Aber das ist für mich in Ordnung.

Auf der Premiere sah ich Jodie Foster den schwarzen Teppich entlanggehen, nur ein paar Meter vor uns und ich hätte ihr so gern Hallo gesagt, bekam aber keine Gelegenheit.

Gibt es Neuigkeiten bezüglich der Verfilmung von Last Call?

Sie probieren momentan wohl verschiedene erfolgversprechende Richtungen aus, nehme ich an. Aber ich weiß nichts Genaueres.

Und zu guter Letzt, was können wir für die Zukunft erwarten, gibt es schon einen Hinweis auf den nächsten Roman und werden wir Mr. Ashbless wiedersehen?

Ashbless‘ Name wird sicher auftauchen, vielleicht mit „ash“ und „bless“ in andere Sprachen übersetzt, so dass es nicht zu offensichtlich ist - das ist mittlerweile ein Glücksbringer für mich geworden. Aber ich glaube nicht, dass er direkt einen Auftritt haben wird, da die Geschichte im heutigen Kalifornien angesiedelt ist. Oh, und sie wird natürlich das Übernatürliche enthalten!

 
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