Interview mit Tim Powers, 2007, für "Die Tore zu Anubis Reich"-Website

Das folgende Interview führte ich Anfang Januar 2007 mit Tim, kurz nach der Veröffentlichung von A Soul in a Bottle. Es ist als eine Aktualisierung zu dem von 2005 in Omen gedacht. Grundlegende Informationen oder Fakten zu älteren Werken sind daher eher dort zu finden.

Das neue Jahr hat begonnen. Was wird es den Tim Powers-Lesern bringen? Welche kürzeren und längeren Werke, Kooperationen, Zeichnungen, Reisen usw. können wir erwarten?

Ich habe gerade die Arbeiten an einer Kurzgeschichte beendet - etwa 7000 Wörter - die in einer Anthologie von Subterranean Press erscheinen wird, voraussichtlich 2007. Außerdem wird es wahrscheinlich ein oder zwei weitere Erzählungen geben. Meinen neuen Roman werde ich aber sicherlich nicht vor 2008 fertig stellen und es dauert dann noch etwa ein weiteres Jahr, bis er erscheinen wird. Ich sollte schneller arbeiten!

Mit The Bible Repairman und A Soul in a Bottle hast du die Form der Novelle für dich entdeckt. Was bietet sie an Vorteilen?

Zunächst ist sie komplexer als die Kurzgeschichte, aber ich kann trotzdem eine innerhalb eines Monats schreiben - im Unterschied zu mehreren Jahren, die es mich kostet, Material für einen Roman zusammenzustellen und ihn zu schreiben.

Und du wirst feststellen, dass meine Kurzgeschichten und Novellen in der heutigen Zeit und in Kalifornien angesiedelt sind. Ich habe einfach keine Lust und fühle auch keine Verpflichtung dazu, ein ganzes Jahr zu Recherchezwecken für eine Erzählung oder Novelle aufzuwenden. Also sind sie eine willkommene Unterbrechung vom Schreiben des jeweiligen Romans, dessen Fertigstellung mich gerade auf Jahre bindet.

Die Dichtkunst spielte schon immer eine große Rolle in deinen Büchern, aber ihre Bedeutung scheint sich erstens zu verstärken und zweitens verwendest du nun eher unbekannte und in ihrem Aufbau komplexere Formen wie die Rubaiyat-Vierzeiler in A Soul in a Bottle. Worin liegt ihre Faszination und was fügen sie deinen Werken hinzu?

Ich war schon immer verrückt nach Gedichten, vielleicht begann das, als mich meine Faszination für Lovecraft zu Clark Ashton Smith führte und dann zu Baudelaire. In der einen oder anderen Form waren sie in den meisten meiner Romane und Erzählungen enthalten - zum Beispiel setze ich gern Gedichtsverse an die Kapitelanfänge.

Aber ja, in A Soul in A Bottle nutzte ich das verstärkt! Ich hatte gerade eine Biographie von Edna St. Vincent Millay gelesen, die mich dazu verführte, mir ihre gesamten Gedichte nochmals vorzunehmen. So war ich gerade in der richtigen Stimmung, etwas zu schreiben, das sich um ein Buch Sonette dreht - und eine rothaarige Dichterin.

In meiner Jugend verfasste ich sehr viele Gedichte - in der High School, im College - meist Sonette der Art wie Clark Ashton Smith sie schrieb. Nein, sie waren nicht besonders gut, aber doch eine wichtige Übung für angehende Prosaschreiber.

Zurück zu den längeren Werken. Three Days to Never erhielt euphorische Kritiken, unter anderem von John Shirley. Erneut ist die Handlung in der finsteren Halbwelt der Geheimdienste angesiedelt. Ist diese nur eine notwendige Requisite oder die Quelle des Stoffs? Gibt es zwischen Declare und Three Days to Never irgendwelche Beziehungen? Und schließlich, befürchtest du nicht mit der Preisgabe solcher Details in Zeiten zunehmender Überwachung in den Fokus der Nachrichtendienste zu geraten?

Ich denke die Verrücktheit meiner Spionagestorys - Dschinn, Dibbuks, Geister! - würde jeden Geheimdienst davon abhalten, mich zu ernst zu nehmen! Manchmal frage ich mich allerdings, was passiert wäre, wenn Declare vor der Veröffentlichung all der KGB-Akten herausgekommen wäre und bestimmte Dienste festgestellt hätten, dass ich die wahren Namen von Philbys sowjetischen Kontaktpersonen nenne. Vielleicht hätten sie mich entführt und für den Verrat von Insiderinformationen über den okkulten Kern der Sowjetunion gefoltert.

Ich hatte einfach so viel Material von meiner Recherche zum Thema Spionage aus Declare übrig und in dem Buch so viel Spaß am Spiel mit den Geheimdiensten, dass ich es noch ein wenig ausdehnen wollte. Sicherlich überschneidet sich die ganze verdeckte, doppelzüngige Welt der Agenten auf fesselnde Weise mit den Mysterien und Geheimnissen okkulter Machenschaften.

Declare war sehr kalt, angepasst an den Ernst und die Atmosphäre der Ereignisse. Three Days to Never konzentriert sich stärker auf die Charaktere, insbesondere die Tochter-Vater-Beziehung und ist im Erzählstil viel wärmer. Was verursachte diese Veränderung und gibt es für die Kombination Professor/Tochter irgendwelche Vorbilder?

Am Anfang suchte ich nach möglicherweise unheimlichen Ereignissen in Einsteins Leben und natürlich faszinierte mich dabei seine geheim gehaltene Tochter, die einfach aus der Geschichtsschreibung verschwand. In der Realität starb sie vermutlich als Kleinkind, aber für meine schriftstellerischen Zwecke musste sie noch am Leben sein und Einstein aus Deutschland ins Exil folgen. Das wiederum traf mich als Gleichnis zu Prospero und seiner Tochter in Shakespeares Der Sturm. Also braute ich ein Vater-Tochter-Gespann zusammen, um die Geschehnisse beinahe bühnenartig anlegen zu können. Und dann stellte sich die Tochter, Daphne, als sehr liebenswert und sympathisch heraus, so dass ich die Handlung schließlich um sie herum anlegen musste. Nun würde ich gern ein im Heute angesiedeltes Buch schreiben, in dem Daphne 31 Jahre alt ist.

Du sprichst nicht gern über im Entstehen begriffene Werke. Könntest du uns vielleicht doch ein wenig über den neuen Roman berichten, die Handlung, den Ort, die Zeit oder welche  Protagonisten vorkommen? Wann wird er erscheinen?

Gott allein weiß wann er erscheint. Ich habe meinem Verleger geschworen, dass ich nicht so lange wie bei Three Days to Never brauchen werde. Wie auch immer, er wird im viktorianischen London angesiedelt sein und allein das sollte ausgesprochen unterhaltsam werden. So kann ich auch endlich noch einmal all die Sherlock Holmes-Geschichten lesen und das Ganze als Recherche verbuchen. Worüber das Buch genau sein wird, weiß ich noch nicht, vielleicht spielen Vampire eine Rolle. Die Handlung all meiner Bücher wird von den Dingen bestimmt, auf die ich bei meinen Nachforschungen stoße und ich habe dies noch nicht ausreichend betrieben, um schon sicher zu sein.

Mir ist aufgefallen, dass du wieder häufiger deine Werke selbst illustrierst. Das ist aufgrund deiner außergewöhnlichen zeichnerischen Fähigkeiten einfach fantastisch. Gibt es außer der geplanten Sonderausgabe von In fremderen Gezeiten weitere Projekte? Wirst du dabei deinen bisherigen Zeichenstil beibehalten oder wird es Experimente geben?

Tatsächlich bin ich gerade vom Illustrieren der neuen In fremderen Gezeiten-Ausgabe zurückgetreten. Ich hatte etwa ein Dutzend Zeichnungen angefertigt und stellte fest, dass ich kein so geübter Zeichner bin und einfach zu lange brauche. Du bist da wesentlich besser als ich, Dirk, du solltest das illustrieren! Mein Stil, dem ich nicht die zusätzliche Dimension der Farbe gebe, ist die Stift/Tusche-Zeichnung, der ich Schattierung hinzufüge, indem ich meine Finger anlecke und die Tusche verschmiere.* * *

Welche Künstler beeinflussen und beeindrucken dich im Bereich der bildenden Künste?

Künstler, deren Können ich mir gern selbst aneignen würde, schließen Frazetta, Roy Krenkel, Gary Gianni, J. Allen St. John, Frederick Remington ein, ja etwa in der Richtung. Als reiner Betrachter, ohne eigene Ambitionen, liebe ich insbesondere die Impressionisten, allen voran Monet. Wir sahen einige seiner Gemälde in Paris und ich spürte Ehrfurcht, sie betrachten zu dürfen!

Deuten sich vielleicht schon einige, noch weiter in der Zukunft liegende Dinge an, über die wir schon sprechen könnten?

Eigentlich nicht. Ich plane nie weit voraus. Tatsächlich fühle ich mich nach dem Fertigstellen eines Buches als sei der Bücher-schreibende Motor in meinem Kopf ausgebrannt. Aber ich denke nach diesem viktorianischen Band wird ein weiterer in der Gegenwart angesiedelter folgen - ich würde gern die Charaktere aus Three Days to Never mit denen aus der Last Call-Trilogie zusammenbringen und mischen. Andererseits fällt mir dann immer ein, wie katastrophal das Resultat war, als Heinlein das versuchte. Vielleicht sollte ich es besser lassen. Jetzt wo ich drüber nachdenke, würde ich gern einen Western schreiben - Revolver, Boot Hills, Pferde und Saloons. Und natürlich Geister. Das wäre großartig!

Gibt es etwas, das du gern selbst hinzufügen möchtest, für deine deutschen Leser oder im Allgemeinen, das ich vergessen habe zu fragen?

Oh - "Wie gefällt dir Leipzig, Powers?"

Meine Frau und ich lieben Leipzig. Wir haben die alte Stadt 2002 ziemlich intensiv besichtigt und so war es letztes Jahr großartig, herumzuziehen und all die Orte erneut aufzusuchen - und uns neue zeigen zu lassen! Ich kann jetzt sogar schon mehr als sechs Worte auf Deutsch. Das nächste Mal werden wir unsere Erkundungen noch ein wenig weiter ausdehnen - Berlin, Dresden. Tatsächlich lebt meine Schwester in Deutschland nahe Frankfurt und wir sollten uns von ihr diese Gegend zeigen lassen.

Aber ich bin mir sicher, dass Leipzig stets unser Favorit bleiben wird - Auerbachs Keller, die Thomaskirche, die Nikolaikirche - und das Völkerschlachtdenkmal, wo ich eine zeitlang mit John Clute, Joe R. Lansdale und F. Paul Wilson im Fahrstuhl gefangen waren - das ist schwer zu überbieten!

* * * Kurze Anmerkung dazu: Tim stellt hier wieder einmal sein Licht unter den Scheffel. Jeder der ihn beim Zeichnen während der Signierstunden beobachtet hat, wird dies bestätigen (absolut herausragend - Horrabin, der Horror-Clown aus Die Tore zu Anubis Reich). Die Resultate sind grandios, die Illustrationen in den Veröffentlichungen von Charnel House und Subterranean Books sprechen für sich. Ich hatte Gelegenheit, eine Sammlung von mehreren Hundert Zeichnungen, die Tim in den letzten 45 Jahren angefertigt hatte, zu sichten. Die Bandbreite sowohl der Inhalte, Stile - von Karrikatur über realistisch bis hin zu surrealen Darstellungen - und Techniken sind atemberaubend!.Für die Neuausgabe von On Stranger Tides sollte Tim in kürzester Zeit dreißig neue Illustrationen anfertigen, was wohl auch auf Grund seiner Lehrtätigkeit einfach nicht machbar war - schade. Die Ausgabe ist es dennoch mehr als wert, gekauft zu werden - denn am Ende schafften es wunderbare Illustrationen von James Gurney und Tim ins fertige Buch.

 
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