Interview mit Tim Powers, Omen Nr. 2 / 2005

Folgendes Interview führte ich mit Tim Powers für das Horror-Magazin Omen #2, Festa-Verlag Leipzig.

Bitte berichten Sie uns etwas über Ihrem familiären Hintergrund.

Nun, ich bin der älteste von acht Geschwistern – eine gut katholische Familie! – und wurde in Buffalo, New York, geboren. Mein Großvater mütterlicherseits war in den Zwanziger Jahren mal Bürgermeister von Buffalo. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater haben immerzu Bücher verschlungen, das ganze Haus war voll davon – ich frage mich immer, warum von meinen sieben Brüdern und Schwestern sonst ­ niemand Schriftsteller geworden ist!

Beschreiben Sie unseren Lesern doch mal einen typischen Tag im Leben von Tim Powers. Wie kann man sich die ›Villa Powers‹ vorstellen, in der Sie arbeiten?

Irgendwann zwischen acht und zehn Uhr stehe ich auf, was davon abhängt, ob ich an diesem Tag unterrichte; ich leite nämlich Schreibkurse an einer Highschool und auf einem College. Wenn ich frei habe, sitze ich für gewöhnlich in meinem Arbeitszimmer und versuche, tausend Wörter pro Tag zu schreiben. Unser Haus wurde 1929 erbaut, aber in den folgenden Jahrzehnten von den ehemaligen Besitzern immer wieder erweitert, und das immer in nördliche Richtung, dem Hügel zu. Mein Arbeitszimmer ist ein kleiner Raum am nördlichen Ende, an jeder Wand stehen Bücherregale, und mein Stuhl ist von Bücherstapeln umringt. Meistens sind auch ein paar Katzen da, die alles umwerfen.

Viele bekannte Schriftsteller kommen aus Kalifornien, und auch Ihre Werke spielen oft dort. Was ist an dieser Gegend so besonders?

Das weiß ich nicht; ich lebe hier seit 1959. Kalifornien ist einfach meine ›Heimat‹. Man kann sich hier binnen einer Tagesreise alle möglichen Landschaften ansehen – wir können ins Death Valley fahren und eine der einsamsten Wüsten der Welt besuchen, oder ans Meer, oder rauf nach San Francisco, eine der schönsten Städte der Welt. Und ich liebe Los Angeles, auch wenn seine positiven Seiten nicht so offensichtlich sind. Die Geschichte, die völlig unterschiedlichen Gegenden, Hollywood – es ist wohl einfach ein perfekter Ausgangsort für Romane und Geschichten!

Sie haben einmal gesagt, dass das Kinderbuch Timothy Turtle Sie zum Schreiben angeregt habe. Aber warum haben Sie sich dann dem SF-/Fantasy-/Horror-Bereich zugewendet?

Als ich elf war, schenkte meine Mutter mir Heinleins Red Planet, und das hat mich sehr für die Science Fiction eingenommen; danach entdeckte ich die Werke H. P. Lovecrafts, und das hat mich auf Horror und Fantasy gebracht. Und auch wenn ich nicht mehr viel Science Fiction oder Horror oder Fantasy lese, müssen diese frühen Einflüsse meinen Geist doch sehr stark geprägt haben – ich kann mir einfach keine ­ normale ›Mainstream‹-Handlung ausdenken!

Bitte erzählen Sie uns, wie Sie vom Studenten zum Romanautor wurden.

1976 erhielt ich meinen Bachelor of Arts, danach hatte ich geplant, weiter zu studieren, meinen Magister zu machen und Lehrer am College zu werden – doch ’75 verkaufte ich meinen ersten Roman, und gab ­ deshalb meine Akademikerlaufbahn auf. Jetzt bin ich doch noch als Lehrer tätig, und heute wünschte ich, ich hätte damals meinen Magister gemacht!

Wie kam die Veröffentlichung Ihrer ersten beiden Bücher bei Laser Books zustande?


Auf der California State University in Fullerton war K. W. Jeter ein Freund von Jim Blaylock und mir, und er hatte ein Manuskript an Laser verkauft – er riet uns, das auch zu versuchen. Er sagte, es sei eine ganz neue Buchreihe ohne Überangebot, außerdem würden sie so schlecht bezahlen, dass es nicht viel Konkurrenz von ­ etablierten Autoren gebe. Also schickte ich ihnen drei Kapitel und ein Exposé, und der Herausgeber, Roger Elwood, kaufte das Buch, The Skies Discrowned. Auch mein zweites Buch An Epitaph in Rust erschien bei Laser, aber es wurde von einem übereifrigen Lektor so übel umgeschrieben, dass ich mich entschied, keine Manuskripte mehr bei ihnen einzureichen – und dann ging Laser in Konkurs! Zu diesem Zeitpunkt sah ich mich allerdings schon als professionellen Schriftsteller, und ich suchte verzweifelt nach einem neuen Verleger.

Drawing of the Dark ist zwar eines Ihrer Frühwerke, enthält aber schon vieles von dem, was Ihre Romane für den Leser so einzigartig macht. Wie haben Sie Ihren Stil hin zu eher komplexen Themen, Strukturen und entsprechender Sprache geändert?

Noch vor dem Ende von Laser Books hatte der Herausgeber Roger Elwood versucht, eine Reihe von Romanen über König Artus, der in mehreren Epochen wiedergeboren wird, zusammen zu stellen. Er beauftragte Jeter, Ray Nelson und mich damit, Romane für diese Reihe zu schreiben, und auf einmal musste ich mich mit historischen Hintergründen befassen. Das war eine wirkliche Offenbarung für mich – ich entdeckte, dass man aus der Geschichte wundervolle Schauplätze, Figuren, Konflikte, Geografien und alles andere entlehnen kann, was ein Roman braucht – ohne dass der Autor sie erfinden muss! Als Elwood das König-Artus-Projekt einstellte, hatte ich dafür schon zwei Romane und das Exposé für einen dritten geschrieben, war also ziemlich tief in das Reich der Historical Fantasy eingetaucht.

Außerdem hatte dieses Buch den gewaltigen Vorteil, dass ich mit dem Lektor Lester del Rey zusammenarbeitete. Del Rey gab mir massenhaft gute Ratschläge und ließ es mich von Grund auf umschreiben. Als Schriftsteller habe ich enorm von del Reys Vorschlägen profitiert!

Ihre Bücher sind voller Magie, aber nicht so wie in den typischen Fantasy-Büchern. Sie funktioniert zum Beispiel in Verbindung mit Erde (Drawing of the Dark, Anubis Gates) oder Blut (On Stranger Tides) und folgt, ähnlich der Wissenschaft, besonderen Gesetzmäßigkeiten. Wieso ist das so, und wie funktioniert es?

Wenn ich den Ort und die Zeit einer Handlung recherchiere, dann achte ich auf den regionalen Aberglauben, die Mythologien und die magischen Vorstellungen, und dann versuche ich, sie konsistent und logisch darzustellen – das führt zu sehr eigenen magischen Systemen. Natürlich unterziehe ich meine Funde immer meinen eigenen Deutungen und Änderungen, deshalb sind die Ergebnisse wohl immer irgendwie römisch-katholisch gefärbt. Und ich behalte bei der Arbeit gern die Physik im Hinterkopf, um quantenmechanische Auswirkungen auf größerer Ebene stattfinden zu lassen. Das verleiht dem Ganzen eine Art nicht-ganz-logischer Geschlossenheit, und es ist eine praktische Art und Weise, um sich funktionierende Magie vorzustellen! Und bei all dem möchte ich sie nicht so logisch und methodisch darstellen, dass sie zu einer Wissenschaft wird und die unheimliche, wundersame, ­ numinose Qualität verliert, die das Übernatürliche vermitteln sollte. Das ist mein Ziel – Gott weiß, ob ich damit erfolgreich bin!

Davon abgesehen schätzt man Ihre Bücher wegen der authentischen Hintergründe, zum Beispiel die Beschreibung von Wien im Jahre 1529 oder das Fechten in Drawing … oder das Puppenspiel in On Stranger Tides. Man kann nie genau sagen, wo die geschichtliche Wirklichkeit aufhört und die Fiktion und das Übernatürliche einsetzen. Wie wichtig sind Ihnen Recherchen, und wie versuchen Sie, beide Teile miteinander zu verknüpfen?

Recherchen sind essentiell! Ich mache mir erst dann über eine Handlung oder Figuren oder Schauplätze Gedanken, wenn ich eine Menge Recherchen gemacht habe, da erst die Recherchen mir einen Hinweis geben, wie diese Dinge aussehen sollen. Und wie ich bereits sagte, ­ versuche ich das übernatürliche Element aus jenen magischen oder mythischen Vorstellungen zu gestalten, die in der fraglichen Zeit und am fraglichen Ort im Umlauf waren. Ich gebe mir sehr viel Mühe, auch den fiktiven Teilen einen authentischen Anstrich zu verleihen!

Ich habe gehört, Ihr Buch The Anubis Gates, das auf Drawing … folgte, sei das Ergebnis eines stark gekürzten unveröffentlichten Romans. Können Sie uns dazu etwas sagen?

The Anubis Gates besteht aus zwei dieser König-Artus-Romane – einem, der 1750 spielte und in dem Horrabin der Clown auftauchte, und einem, von dem ich nur Grundzüge hatte und der 1810 spielen sollte, nachdem die Figuren aus der Gegenwart mit einer Zeitmaschine dorthin gereist waren. Ich teilte diese beiden Geschichten auf, strich König Artus raus, und das Ergebnis war The Anubis Gates.

Ursprünglich umfasste The Anubis Gates ungefähr 150.00 Wörter; der Lektor von Ace Books bat mich, das Manuskript um circa 20.000 zu kürzen, und anstatt hier und da einen Satz oder Halbsatz zu streichen, sah ich mir jede Szene genau an und fragte mich, ob sie für die Story wirklich notwendig sei. Nachdem ich eine Menge unwichtiger Szenen gefunden und herausgestrichen hatte, kam ich auf die vom Lektor geforderten 130.000 Wörter. Und als Mark Zeising eine limitierte ­ Ausgabe des Buches herausbringen wollte, fragte er mich, ob ich nicht einige oder alle der herausgefallenen Szenen wieder einfügen möchte. Ich las sie alle noch mal durch – und kam zu dem Schluss, dass das Buch ohne sie wirklich besser dran war!

Identität ist immer wieder ein Thema in Ihren Büchern – Körpertausch, Duplikate, multiple Persönlichkeiten. Weshalb fasziniert das Thema Sie derart?

Ich weiß es nicht! Es kommt offenbar sehr häufig in meinen Geschichten vor, ist also wohl so eine Art Obsession von mir! Ich halte die ­ Vorstellung für beängstigend, dass hinter den Augen meiner Freunde Fremde lauern könnten und dass ein Fremder meine Identität annehmen könnte! Ich weiß noch, wie ich einmal einen kurzen Panikanfall hatte, als ein Arbeitskollege zu mir sagte: »Ich übernehme nächste Woche ein paar von deinen Stunden.« Einen Moment lang glaubte ich, er wollte diese Stunden aus meinem Leben nehmen!

Klingt ja wie Lovecraft! Sie verwenden oft Mythologien und Legenden als Grundlagen Ihrer Werke – die ägyptische Mythologie in Anubis …, König Artus in Drawing …, den Fischerkönig u. a. in den Last Call-Büchern, die Märchen aus 1001 Nacht in Declare – und stellen sie zuweilen in einen gänzlich neuen Kontext. Ist es einfacher, diese Dinge zu verwenden, anstatt einen völlig neuen Hintergrund zu erfinden, wie es etwa Tolkien tat? Gibt es spezifisch ›lokale‹ Legenden, die Sie verwendet haben und die wir hier in Deutschland gar nicht kennen?

Ich glaube, dass authentische Mythen und Legenden ein jungianisches Element enthalten, das die primitiven Teile unseres Gehirns anspricht – wäre dem nicht so, dann hätten sie nicht solche Macht ausgeübt, und dann hätten sie auch nicht überlebt. Ich bin der Ansicht, dass eine erfundene Mythologie aus den gleichen vertrauten Gestalten mit neuen Namen bestehen müsste, wenn sie ähnlich kraftvoll sein soll, und ich glaube, genau das hat Tolkien getan. Figuren wie etwa der Fischerkönig tauchen in beinahe jeder Kultur auf – sogar in 1001 Nacht! Ob diese alten Geschichten nun irgendeine Wahrheit enthalten oder nicht, unsere Gehirne reagieren auf sie, als seien sie wahr, und deshalb verwende ich sie auch – und natürlich denke ich mir auch gerne aus, wie sie in anachronistischen Schauplätzen auftauchen, wo sie noch – wie ich hoffe – ihre heraufbeschwörende Macht haben!

Nein, wenn ich davon ausgehe, dass Sie mit Grimms Märchen vertraut sind, dann glaube ich nicht, dass ich noch irgendwelche deutschen Mythen kenne, die Ihnen unbekannt sind!

Das nächste Buch war dann The Stress of Her Regard. Byron spielt in Ihren Werken oft eine wichtige Rolle. Was fasziniert Sie so an seiner Person? Und woher kommen die Lamien?

Auf die Lamien bin ich bei Keats und Shelley gestoßen – als man Shelleys Leichnam aus dem Meer barg, hatte er in der Tasche eine Ausgabe von Keats’ Gedichten, die bei dem Gedicht ›Lamia‹ aufgeschlagen war. Das habe ich als wichtigen Hinweis erachtet. Und außerdem hat die Vorstellung von sexy weiblichen Vampiren einen gewissen Charme!

Als Teenager habe ich die Byron-Biographie von André Maurois gelesen, und seitdem fasziniert er mich. Ich besitze die elfbändige Ausgabe seiner Briefe, und er ist einer jener Schriftsteller, deren Leben sogar noch faszinierender ist als ihr Werk! Und er lebte ein so ausschweifendes Leben an so vielen interessanten Orten, dass es unausweichlich war, dass mir Ereignisse in seinem Leben auffielen, bei denen das Übernatürliche eine Rolle hätte spielen können.

Als ich Fluch der Karibik im Kino sah, habe ich mich gefragt, ob die Macher On Stranger Tides gelesen haben. Aber die Geschichte in Ihrem Buch ist wesentlich komplizierter, auch wenn es Stoff für großartige Spezialeffekte bietet. Sind die Rechte an einem Ihrer Werke von einem Filmstudio gekauft worden, und gibt es Chancen für eine Verfilmung?

Einige von meinen Büchern – ich schätze mal sechs – sind zu wiederholt für eine Verfilmung vorgesehen gewesen, aber bislang ist keines davon über das Planungsstadium hinausgekommen. Ich wäre sehr glücklich darüber, wenn tatsächlich jemand eines verfilmen würde! Es würde mir noch nicht mal etwas ausmachen, wenn ein ­ blöder Film dabei herauskäme. Ich will einfach nur eine dieser Satinjacken mit dem Filmlogo auf dem Rücken, die die Crewmitglieder erhalten.

Obwohl Sie durch die Science Fiction beeinflusst worden sind, ist Dinner at Deviant’s Palace Ihr einziger echter SF-Roman. Warum haben Sie nie dieses typische In-ferner-Zukunft-/Weltraum-Oper-/Roboter-/Kolonisierung-/Superhelden-Zeug geschrieben? Oder haben Sie so etwas für die Zukunft vor?

Als ich anfing, dachte ich, ich würde sowohl Science Fiction als auch Fantasy schreiben, so wie Fritz Leiber oder Poul Anderson, und eines Tages würde ich gern eine Geschichte schreiben, die auf einer Kolonie in der Umlaufbahn spielt. Aber ich habe bemerkt, dass ich mit der Fantasy das tun kann, was ich in der Literatur tun will. Aus irgendeinem Grund halte ich das Übernatürliche immer noch für das Interessanteste, mit dem ich meine Figuren konfrontieren kann.

Bei Last Call haben Sie plötzlich die Schauplätze geändert – von den oftmals europäischen, mittelalterlichen Orten hin zu einer eher zeitgenössischen amerikanischen Umgebung. Hatten Sie nicht die Befürchtung, Sie könnten deswegen Leser verlieren? Hat es Ihre Arbeitsweise bei den Recherchen verändert?

Ich dachte mir wohl, dass meine Leser meine Sachen wegen der ­ übernatürlichen Elemente mögen, weniger wegen der äußerst unterschiedlichen historischen Elemente! Und ich hatte schon immer zeitgemäße Geschichten schreiben wollen.

Ich hatte geglaubt, es gäbe weniger zu recherchieren, da ich ja schon mit der örtlichen Währung, mit Autos, Fernsehen und Telefon vertraut war! Aber tatsächlich musste ich noch mehr recherchieren; ich musste nicht nur alles über Las Vegas und Poker und Tarotkarten in Erfahrung bringen, ich musste auch herausfinden, was genau Polizisten und Ärzte tun. Wesentlich mehr Lesern wird es auffallen, falls ich ein zeitgenössisches Detail falsch wiedergebe, als wenn mir das mit einem historischen Detail passiert!

Last Call und die Fortsetzungen Expiration Date und Earthquake Weather enthalten eine erstaunliche und wundervolle Ansammlung seltsamer und unglaublicher Requisiten und Ereignisse. Sind ­ manche davon real, oder sind alle erfunden? Glauben Sie an das Übernatürliche?

Nun, alle übernatürlichen Ereignisse stammen, zumindest in mittelbarer Form, aus echten Mythologien, volkstümlichen Überlieferungen und abergläubischen Vorstellungen – und aus Anekdoten wie den ­ Plänen des alten Edison, ein Telefon zu bauen, über das man mit Toten sprechen könnte! Ich frage mich immer: Wenn dahinter ein Körnchen Wahrheit steckt, wie würde es sich manifestieren, wie würden die Menschen es benutzen, welche unerwarteten Vor- und Nachteile würde es mit sich bringen? Und dann versuche ich, die Ergebnisse mit der wirklichen Welt zu verknüpfen und glaubwürdige Personen damit umgehen zu lassen. Da ich eine ganze Menge magischer Vorstellungen einbaute – Tarotkarten, der Fischerkönig, Dionysos, Geister –, hatte ich eine Menge bunter Spielzeuge zur Verfügung.

Ich bin Katholik, also halte ich das Übernatürliche für möglich, ja – aber ich würde lieber keine Geister oder Dämonen mit eigenen Augen sehen.

Diese drei Bücher sind miteinander verknüpft, aber in Deutschland wurde dummerweise nur der dritte Teil veröffentlicht. Kann man die Geschichte so überhaupt verstehen, und haben Sie vor, von irgendeinem Ihrer Romane eine Fortsetzung zu schreiben, oder planen Sie weitere Serien?

Nun, es sollte schon jeder der drei Romane für sich stehen können. Laut einigen Kritikern ist mir das nicht gelungen, das dritte Buch würde ­ keinen Sinn ergeben, wenn man die ersten beiden nicht gelesen hat, und selbst dann nur sehr wenig. Hehe.

Ich möchte nicht das tun, was Heinlein in seinem späteren Leben getan hat, nämlich alle Figuren aus den früheren Büchern nehmen und in einem Buch zusammenwürfeln. Aber ich würde sehr gern noch ein oder zwei Bücher über die Figuren aus dieser Trilogie schreiben! Kootie wäre jetzt so Anfang 20, glaube ich. Ich habe darüber nachgedacht, eine Fortsetzung von Anubis Gates zu schreiben, mich letztlich aber dagegen entschieden. Ich war dreißig, als ich es geschrieben habe, und nun bin ich über fünfzig und nicht mehr derselbe Schriftsteller. Ich sollte nicht mit den Geschichten dieses anderen Schriftstellers herumspielen.

Als mit Night Moves eine Sammlung Ihrer Kurzgeschichten erschien, war ich erstaunt, dass es nur ein so schmaler Band war. Seither haben Sie nur an ein paar Anthologien mitgewirkt, obwohl Ihre Kurzgeschichten so großartig wie Ihre Romane sind. Warum schreiben Sie nicht gern Kurzgeschichten oder Novellen?

Oh, dafür gibt es mehrere Gründe, glaube ich. Zum einen braucht eine Kurzgeschichte fast ebenso viel Vorarbeit wie ein Roman! Und ich bin immer versucht, eine Kurzgeschichte zu einer Art verkürztem Roman zu machen – mit Figuren, die aufgrund zu dürftiger Beweise zu ihren Schlussfolgerungen gelangen, und Handlungen, die sich viel zu schnell abspielen. Und in einer Kurzgeschichte kann man nicht wie in einem Roman all die impliziten Seitenstränge weiterverfolgen – in einem Roman ist einfach viel mehr Platz für merkwürdige Sachen am Rande. Und außerdem bleiben Romane länger in Druck!

Und bringen sicherlich mehr Geld ein!

Natürlich.

In On Pirates und The Devil in the Details sind einige Geschichten von Ihnen und einige von James Blaylock vereint, der über ähnliche Themen wie Sie, aber in einem komplett anderen Stil schreibt. Könnten Sie sich vorstellen, mit einem anderen Schriftsteller wirklich zusammenzuarbeiten und gemeinsam einen Roman zu schreiben?

Ich könnte mir nur eine Zusammenarbeit mit Blaylock vorstellen. Wir kennen uns seit 1972, als wir auf dem College waren, und unsere Lese- und Schreibgewohnheiten entwickeln sich nun schon seit über dreißig Jahren parallel! Wir neigen dazu, instinktiv eine ähnliche Sicht auf eine Geschichte zu haben, weshalb keiner von beiden zu der Meinung gelangt, der jeweils andere habe etwas Unpassendes geschrieben.

Das Problem eines gemeinsamen Romans liegt darin, dass wir einen Verleger bräuchten, der zwei Personen genug Geld bezahlt, um ein paar Jahre davon zu leben! Und das ist nicht sehr wahrscheinlich!

Seit Highschool-Zeiten teilen Sie sich mit James Blaylock die Figur des Dichters William Ashbless. Es gibt sogar ein Kochbuch von ihm! Können Sie uns etwas über seine ›wirkliche‹ und seine ›fiktive‹ Biographie verraten?

Als wir auf dem College waren, hatten wir genug von der luftigen Hippie-Lyrik, die in der Schülerzeitung veröffentlicht wurde, und wir dachten uns, wir könnten uns Gedichte ausdenken, die … sinnlos, aber großspurig sein sollten. Und so schrieben wir einfach zum Spaß ein paar Gedichte – einer schrieb eine Zeile und reichte sie dann an den anderen weiter, der schrieb die zweite Zeile und gab sie wieder zurück. Am Ende der Seite brachte einer von uns die Sache zu Ende. Wir waren der Meinung, dass wir für unseren Poeten einen Namen bräuchten; ›William‹ entliehen wir von einem gemeinsamen Freund, aber ich fand, das sein Nachname aus zwei ­ Worten bestehen sollte, wie bei Wordsworth oder Longfellow. Und so dachte sich jeder von uns ein einsilbiges Wort aus – das eine war ›ash‹, das andere ›bless‹. (Ich bin froh, dass wir vernünftig genug waren, ihn nicht ›Blessash‹ zu nennen!)

Die Schülerzeitung veröffentlichte eine Reihe der Gedichte, daher schrieben wir noch weitere, die noch sinnloser waren, und die wurden auch abgedruckt; dann schrieben wir einige richtig unsinnige Gedichte, und schließlich lehnten die Redakteure es ab, weitere Werke von ­ Ashbless zu veröffentlichen.

Danach nannten Blaylock und ich, wenn wir in einem Buch einen bärtigen Dichter mit wildem Blick brauchten, diesen immer William Ashbless.

Als Blaylock The Digging Leviathan bei Ace Books eingereicht hatte, fragte die Lektorin mich: »Kennen Sie diesen Blaylock? Eine seiner Figuren heißt so wie Ihr Dichter in The Anubis Gates

Als wir ihr die Sache erklärten, meinte sie, wir sollten es so lassen. Und seit jenem Tag halten wir ­ Ashbless mit diesem oder jenem albernen Projekt am Leben!

Nach Last Call haben Sie Ihre Leser wieder einmal mit einem neuen Buch überrascht: Declare ist ein Spionageroman vom Feinsten. Für mich ist er einer der besten Romane aus diesem Genre mit all dem Spionagezeugs, und dann kommen noch die fantastischen Ereignisse hinzu. Wie hat sich dieser Roman entwickelt, und war es bei dieser Art von Roman schwerer, Übernatürliches einzubringen?

Ich bin auf die Idee auf dem üblichen Weg gekommen – ich las in meiner Freizeit ein Sachbuch, und mir fiel plötzlich auf, dass es in den wirklichen Ereignissen die Möglichkeit einer übernatürlichen Geschichte gab – als Erklärung der wirklichen Ereignisse. Um genauer zu sein, las ich The Philby Conspiracy von Page, Leitch und Knightley, vor allem, weil John LeCarré, dessen Bücher ich liebe, das Vorwort zu dem Buch geschrieben hat. In Kim Philbys Laufbahn als Spion und seinem widersprüchlichen Verhalten gab es viele rätselhafte Aspekte, und natürlich fing ich an, über eine übernatürliche Erklärung nachzudenken. Und so las ich alles über Philby und den Britischen Geheimdienst, was mir in die Hände fiel, und das führte mich dazu, Bücher über den Nahen Osten zu lesen, und das führte mich zu 1001 Nacht, und bald darauf hatte ich alle Zutaten für einen typischen Powers-Plot beisammen.

Es war also nicht schwer, die übernatürlichen Sachen einzubringen! Es fing alles damit an, dass mir die Möglichkeit auffiel, der Philby-Geschichte übernatürliche Zusätze beizufügen!

Declare wäre auch ohne die fiktiven Elemente ein großartiger Roman. Haben Sie je überlegt, einen Mainstream-Roman völlig ohne Fantasy-Elemente zu schreiben?

Nein. Irgendwie erscheint mir die Vorstellung, eine Geschichte ohne übernatürliche Elemente zu schreiben, wie eine unsinnige Einschränkung, so ähnlich wie eine Story ohne Liebe oder Gewalt. Würde ich versuchen, einen Mainstream-Roman zu schreiben, dann würde eine der Personen darin früher oder später Anrufe von ihrem toten Vater bekommen.

Können Sie uns einen kleinen Einblick in die Zukunft gewähren? Gibt es schon einen Veröffentlichungstermin für Ihren nächsten Roman?

Nein, es gibt noch keinen Veröffentlichungstermin, denn ich bin noch nicht fertig – aber ich habe schon mehr als die Hälfte geschrieben. Ich bin jämmerlich langsam. Jedenfalls spielt der Roman in der Gegend von Los Angeles im Jahr 1987, als all die Mystiker für die so genannte Harmonische Zusammenkunft (Harmonic Convergence) herkamen, und die Komplikationen entstehen dadurch, dass Einstein Anfang der Dreißiger in Pasadena lebte und mit Leuten wie Charlie Chaplin Umgang pflegte. Und natürlich wird es Zeitreisen und Geister und all mein übliches Zeugs geben!

 
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