World Fantasy Covention 2013, Brighton

Wie kann man sich den Fantasy-Himmel vorstellen?

Nun, der World Fantasy Con in Brighton am Halloweenwochenende gab eine ziemlich erschöpfende Antwort.

An der Bar mit Joe Abercrombie schwatzen, mit Patrick Rothfuss auf den Einlass in den gigantischen mit begehrten Schmökern überfüllten Dealerroom warten, sich mit lebenden Legenden wie Brian W. Aldiss oder William F. Nolan unterhalten, Neil Gaiman beim Frühstück den letzten freien Tisch wegschnappen und auch mit den mehr als fünf Dutzend anderen Schreibern und Malern eine großartige Zeit verbringen.

Erstmals nach sechzehn Jahren gelang es den Organisatoren wieder, den Con nach Europa zu holen und ein unvergessliches Ereignis zu kreieren.

The Anubis Gates – die endgültige und absolute Edition

Okay, das klingt jetzt ein wenig hochgestochen, aber beim Anblick der ausgelegten Exemplare am Stand von Centipede Press nahmen sich John Berlyne und ich wirklich viel Zeit, noch fehlende Extras oder eventuelle Verbesserungen zu erspinnen.

Nach 5 Minuten angestrengter Arbeit gaben wir auf. Nicht nur als jahrzehntelange Powers-Fans, die bis hin zum Originalmanuskript alle zugehörigen Dokumente und Geschichten kennen, sondern auch als alte Büchersammler blieb uns einfach die Spucke weg.

Diese Ausgabe ist eines der schönsten Bücher überhaupt, die wir je gesehen haben (und da schließen wir die Kunstwerke von Charnel House ein). Der rot-schwarze Samtschuber (in etwas anderem, verbesserten Design als in den Vorschauen) mit dem sich wandelnden Abbild von Brendan Doyle/William Ashbless, das zusätzliche Leporello mit den Farbtafeln von David Palumbo, die Karte von London 1810 mit den eingetragenen Handlungsorten – ich glaube Jerad Walters, der Verleger von Centipede Press, hat unseren fassungslosen Anblick sehr genossen.

Mit Verleger Frank Festa (u.a. dt. Ausgabe von Declare, links) und John Berlyne (u. a. Autor von Secret Histories, mitte) auf der WFC 2013

Die Gottväter des Steampunk

Am Samstag fand dann das Panel statt, dass jedem Steampunk-Leser Tränen der Ergriffenheit bescheren sollte (zumindest hatten viele der Anwesenden am Ende der mehr als gut besuchten Veranstaltung welche in den Augen, allerdings wohl eher vor Lachen auf Grund der witzigen Anekdoten, die erzählt wurden).

K. W. Jeter (der mittlerweile in Ekuador lebt), James P. Blaylock und Tim Powers stellten sich als Initiatoren des Steampunks den Fragen der Zuschauer und des Moderators John Berlyne, der die Diskussion auch prompt mit den Worten „Steampunk – es ist alles eure Schuld“ begann. Zunächst konnte die mittlerweile auch offiziell anerkannte Entstehung des Begriffs Steampunk geklärt werden: in einem Brief an das Locus-Magazine beschwerte sich K. W. Jeter darüber, dass alles kategorisiert wurde und ggf. neue Strömungen erfunden worden, die jeweils auf –punk endeten. Als seine Frau Maggie dies mitbekam, schlug sie für die Einordnung des damaligen Romans Jeters die Bezeichnung Steampunk vor. Obwohl sich die New York Times zunächst weigerte, dies anzuerkennen und den Begriff lieber Paul di Filippo zuschrieb (der sie mehrfach darauf hinwies, dass er den Namen nur von den Genannten übernommen habe, aber schließlich entnervt aufgab), ist diese Variante inzwischen die akzeptierte. Letztendlich stand für K. W. Jeter und die anderen Autoren das „Dampf“ immer stellvertretend für neuartige Technologie, die die Welt verändert.

James P. Blaylocks Geschichte The Ape Box Affair, die von verschiedenen Werken Robert L. Stevensons beeinflusst wurde, war nach Namensgebung das erste publizierte Steampunk-Werk. In diese Zeit – den späten Siebzigern – fiel auch das Projekt von Roger Elwood, Inkarnationen King Arthurs in verschiedenen Zeiten gegen Feinde Großbritanniens antreten zu lassen. Jeder der drei Autoren bekam Epochen zugeteilt und als das ganze Vorhaben starb, arbeiteten sie die Manuskripte zu normalen Romanen um - die alle ihren Erfolg begründeten.

Natürlich folgten auch Fragen nach William Ashbless, dessen Entstehung und Leben wieder Anlass für viel Gelächter bot.

Auf die Frage nach der Bedeutung Londons für ihre Werke schilderte Jeter einen Besuch in der Stadt Anfang der 80er Jahre. In der Auslage eines Antiquitätenladens für wissenschaftliche Instrumente kam ihm beim Betrachten der viktorianischen Teleskope die Idee für Infernal Devices (Das Erbe des Uhrmachers). James P. Blaylock war bereits einige Jahre zuvor auf der Suche nach Stücken mit Bezug auf Charles Dickens hierher gekommen und war eher enttäuscht, wie sehr sich die Stadt im Rahmen der Modernisierung seitdem verändert hat. Tim Powers hatte sein Meisterwerk Die Tore zu Anubis Reich geschrieben, ohne zuvor in London gewesen zu sein. Durch intensive Recherche und Nutzung alter Karten gelang es ihm, all die Wege und Gebäude zum Leben zu erwecken.

Auch literarische Vorbilder für die Steampunk-Werke wurden hinterfragt, neben H. G. Wells und Michael Moorcock nannte James P. Blaylock noch George Gissing (der versehentlich von H. G. Wells getötet wurde), während K. W. Jeter William Harrison Ainsworth ins Feld führte. Die Steampunk-Bewegung selbst betrachten alle drei mit Freude und Staunen, bewundern die Mühe und den Aufwand, der zum Teil dafür betrieben wird. Besonders hob K. W. Jeter die zunehmende sozialkritische Komponente hervor, die der sonst so typischen Nostalgie (er erinnerte an Lavie Tidhars Definition als „Faschismus für nette Leute“) kritische Untertöne z. B. bzgl. der Auswirkungen des Kolonialismus untermischen.

Geschlossen wurde die Runde mit der Nachfrage, wie die Autoren heute ihre damaligen Texte beurteilen würden, nachdem sie nun zwanzig Jahre später die in den früheren Werken dargestellten Welten nochmals aufgesucht hätten, und was sie heute anders gestalten würden. Alle drei äußerten die Hoffnung, mittlerweile noch ein bisschen bessere Schriftsteller geworden zu sein und sind sich sicher, manche Dinge im Leben jetzt anders zu wichten, also auch Wert auf Dinge zu legen, die man erst ab einem gewissen Alter bewusst wahrnimmt. Da nun auch mitunter das Tempo zugunsten der Tiefe des Inhalts zurückgefahren wird, schlug Tim Powers in diesem Zusammenhang eine Neukategorisierung ihrer neueren Werke vor: Geriatricpunk! Er schilderte anschaulich den Verlauf einer solchen Szene, in der ein Beobachter aus dem Fenster Zeuge einer Verfolgung wird, zwischendurch einen Kaffee trinken geht, und dann wieder dem Fortgang der Jagd folgt, die immer noch vor seinem Fenster stattfindet.

Wieder einmal war die Zeit viel zu kurz für alle noch anstehenden Fragen.

Die Könige des Steampunks: Tim Powers (l.), James Blaylock (2. v. r.), K. W. Jeter (r.)
 
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