Elstercon 2006

Donnerstag 14. September 2006, 8:00 Uhr morgens, Flughafen Leipzig. Nun wird es ernst, die hektischen Vorbereitungen sind abgeschlossen. Mit F. Paul Wilson und Tim und Serena Powers sollen die ersten Gäste ankommen. Das Glastor des Empfangsbereichs speit Scharen Reisender aus und scheinbar alle gleichen auf den ersten Blick den Gesuchten. Doch sie sind nicht dabei. Was nun? Hat die knappe Zeit in Toronto zum Umsteigen nicht ausgereicht? Abfrage der Emails, keine Nachricht darunter. Zwei Stunden später dann Entwarnung, sie treffen zusammen mit Joe und Karen Lansdale im nächsten Flieger aus Frankfurt ein. Dafür werden jetzt die Plätze im Auto knapp. Die Sonne scheint, wie beim letzten Con verwöhnt uns das Wetter mit einem wunderbaren Altweibersommer. So kann uns auch die Mitteilung des Hotels nicht schockieren, dass die Zimmer noch nicht fertig sind. Also geht es Mittagessen und die deutsche Küche entlockt den Gästen genussvolles Seufzen, Serena Powers stimmt ihren wohlbekannten Happy-Eating-Song an.

Am Abend lädt Verleger Frank Festa in sein Haus der Fantastik in Taucha ein, mittlerweile sind auch Brian und Silky Lumley, Regisseur Andreas Marschall, Hanno von Bran/BabbaRammDass dort eingetroffen. Die meisten kennen sich, so dass es familiär zugeht. Für das leibliche Wohl sorgt Michael Kirchschlager, der seit den frühen Morgenstunden als Koch rotiert und nun unter anderem frische Bratwurst nach uraltem Rezept anbietet.

Kurz vor Mitternacht soll John Berlyne ankommen, doch sein Flug aus London hat massive Verspätung. Dann betritt DER Tim Powers-Experte endlich deutschen Boden und nach langem schriftlichen Kontakt stehen wir uns endlich leibhaftig gegenüber. Von ihm erfahre ich die Geschichte seiner grandiosen Website The Works of Tim Powers. Nach der Lektüre von Die Tore zu Anubis Reich versuchte John, weitere Werke des Autors zu erwerben. Dies erwies sich als fast unmöglich, da das Internet zu dieser Zeit bei weitem nicht den Informationsgehalt aufwies. Vor allem die beiden Laser-Bände waren nicht aufzutreiben, so dass er über lange Zeit eher gewohnheitsmäßig in Buchläden danach fragte, ehe er völlig überraschend in einem Londoner Antiquariat vom uralten Ladeninhaber die positive Antwort bekam. Mit diesem Schatz, zu einem hohen Preis erworben, trug John alle Informationen zu Tim Powers zusammen, die sich im Lauf der Suche ergeben hatten und veröffentlichte sie im Web – die erste Tim Powers-Website war online. Eines Tages meldete sich Tim Powers selbst bei ihm per Email.

Am Folgetag ergründen die Autoren die Leipziger Innenstadt, nachmittags treffen mit John Howe und John Clute weitere ausländische Gäste ein. Gegen 19 Uhr beginnt die Eröffnungsveranstaltung, nach einer wie immer grandiosen Rede von Boris Koch gibt es einen filmischen Rückblick und die Vorstellung der Prominenz. Beim anschließenden Abendessen im Ratskeller beweisen Tim und Serena, dass sie noch immer einige Brocken Deutsch parat haben. Tim hat tatsächlich die großflächigen Lupen im Kaufhaus bekommen, die er vor vier Jahren ebendort schon einmal gekauft hatte und die sich bei Lesen kleiner Schrift in den Speisekarten bewähren.

Am Samstagmorgen ist Buchmarkt und Signierstunde, Fans und Buchhändler karren ganze Stapel Bücher heran. Einige Leser sind noch immer erstaunt, ihre Signatur in Tims Büchern auf dem Kopf stehend zu finden, da er als Linkshänder seine Werke prinzipiell so unterschreibt. Kleine Zeichnungen vertiefen die Freude, auch John Howe zeigt mit in kürzester Zeit gezauberten Ringgeistern, Elfen und anderen magischen Figuren vorrangig aus Mittelerde sein Können. Dann ist Lesung mit Tim Powers. John Berlyne entlockt dem Autor nach kurzer Vorstellung Geheimnisse vor allem um Three Days to Never. Die Entstehung der Geschichte, die zugrunde liegenden Fakten und seine Arbeitsweise sind Gegenstand der Fragen, viele davon aus dem Publikum. Faszinierend, dass der Autor seine Gedanken komplett niederschreibt, auch wenn sie nichts mit dem Buch zu tun haben. Somit ist die Abfolge von den ersten Konzepten zum fertigen Buch detailliert nachvollziehbar. Nebenbei gibt John auch einige Inhalte des in Arbeit befindlichen Bandes über Tim preis, das weit mehr als eine Bibliographie sein wird. Unveröffentlichte Texte (u. a. Auszüge des ursprünglichen Die Tore zu Anubis Reich), Frühwerke aus Schulzeiten, Entwürfe, gestrichene Szenen und eben jene Gedankenfolgen werden neben Hunderten Zeichnungen Eingang finden. Secret Histories, so der Titel des Giganten, wird von PS Publishing in mehreren Ausgaben erhältlich sein und auch den nie publizierten Roman The Waters, Deep, Deep, Deep enthalten. Kein Wunder, dass John seit nunmehr sechs Jahren am Wirken ist. Wie alle Veranstaltung wird auch dieses Gespräch zweisprachig gestaltet, Hannes Riffel überträgt gewohnt souverän.

Neben Lesungen mit weiteren Gästen und der Kurd-Laßwitz-Preisverleihung finden zwei Diskussionen um Beziehungen zwischen fantastischer Literatur und filmischen Medien sowie Malerei statt, Tim nimmt an letzterer teil und nutzt sie intensiv.

Sonntag sind noch einige Veranstaltungen, dann ist 13.30 Uhr Finale. Tim zitiert zur Freude der Anwesenden noch einmal die Tatsache, dass er „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ ist, und zwar auf Deutsch. In strahlendem Sonnenschein geht es zum Völkerschlachtdenkmal. Bereits am Morgen sorgte das Monument für die Begeisterung John Howes, der es mehr als vierhundert Mal fotografiert und in einem seiner kommenden Werke verewigen möchte. Dann wird es kritisch. Der Lift mit den Horror- und Fantastikautoren bleibt stecken. Mit ihnen ist ein junges Mädchen eingesperrt und gerät in Panik. Aus Angst, die erste zu sein, die im Falle eines längeren Aufenthalts verspeist werden würde (die Vermutung stammt von Joe R. Lansdale), beginnt sie zu schreien. Hätte sie um den Broterwerb der Anwesenden gewusst, wäre ihre Panik sicher um ein Vielfaches größer ausgefallen. Doch Rettung kommt rechtzeitig und die Passagiere verlassen die schmale Kabine vollzählig. Der Abend findet in Auerbachs Keller statt. Hier ist nicht nur das Essen erstklassig, der Rundgang durch den Fasskeller erweckt Goethes Geist zum Leben. In die Wand ist ein aus dem Jahre 1530 stammendes Relief von Bacchus eingelassen, der wiederholt in Tim Powers Werken eine Rolle spielt. Ein Omen?

Am nächsten Morgen sind die meisten Gäste auf dem Heimflug, doch Tim und Serena bleiben noch einen Tag länger. Auf der Tour durch das Zentrum sind es vor allem die Kirchen und das Museum in der Runden Ecke, die Leipzigs Geschichtsträchtigkeit beeindruckend untermauern. Der Tag vergeht schnell und so heißt es gegen 3 Uhr früh auf dem Flugplatz Abschied zu nehmen, nicht ohne das Versprechen einzufordern, bald wieder zu kommen.

 
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