A Soul in a Bottle

Der Vorhof des Chinese Theaters roch nach regennassem Stein und Autoabgasen, aber ein schwaches Aroma von Birne und Kümmel haftete seinem Hemdkragen an, als er um die Zusammenballungen von Touristen herumging. Diese schienen alle zu den Kupfertürmen oberhalb der Hofmauern zu starren oder in Kameras zu lächeln, während sie ihre Hände in die Pfützen der Handabdrücke auf den Zementplatten des Fußwegs pressten.

George Sydney klemmte seinen Einkaufsbeutel unter den Arm und kramte drei Pennys aus seiner Hosentasche.

Das dritte oder vierte Mal diesen Morgen erwischte er sich dabei, wie er scharf über seine linke Schulter blickte, doch wiederum befand sich niemand in seiner Nähe. Die Morgensonne stand hell über dem Roosevelt Hotel auf der anderen Seite des Boulevards und die Wolken lösten sich im blauen Himmel auf.

Er hockte sich neben die Platte von Jean Harlow und legte sorgfältig einen Penny in jede der drei Markierungen unterhalb ihrer Unterschrift, dann trocknete er sich die nassen Finger an seiner Jacke ab. Die Münzen würden nicht lange liegen bleiben, aber Sydney brachte stets drei neue mit, wenn er an diesem Block des Hollywood Boulevards vorbeikam.

Er stand auf und erneut fing er den Hauch von Birne und Kümmel ein und als er sich umsah, stand ein Mädchen direkt hinter ihm.

Auf den ersten Blick hielt er sie für einen Teenager – sie war einen Kopf kleiner als er und ihr wirres Haar rahmte ein schmales, sommersprossiges Gesicht mit zusammengekniffenen Augen und einem weiten, amüsiert lächelnden Mund.

„Drei Pennys?“ fragte sie und ihre Stimme war tiefer als er erwartet hatte.

Sie stand so nahe bei ihm, dass sein Ellenbogen beim Umdrehen ihre Brüste gestreift hatte.

„Das stimmt“, sagte Sydney, während er ungeschickt rückwärts lief, bedacht, die Münzen nicht los zu treten.

„Warum?“

„Äh …“ Er deutete auf die Zementplatte und konnte gerade noch seinen Einkaufsbeutel auffangen. „Leute haben die ursprünglichen drei weggenommen“, sagte er. „Als Souvenir. Die sie hierher gelegt hatte. Jean Harlow, als sie ihre Hand- und Fußabdrücke in den nassen Zement presste, 1933.“

Das Mädchen hob ihre schmalen Augenbrauen und schaute herab auf den Stein. „Das habe ich nicht gewusst. Woher haben Sie das?“

„Ich habe sie einmal aufgesucht. Äh, bei Google.“

Das Mädchen lachte leise und in diesem Augenblick schien sie die einzige Person auf dem Platz zu sein, die Farbe besaß. Benommen wurde ihm klar, dass es ihr Duft war, den er den ganzen Morgen wahrgenommen hatte.

„Google?“ fragte sie. „Das klingt chinesisch. Sind sie immer so freundlich zu toten Menschen?“

Ihr schwarzes Leinenjackett und der Rock waren deutlich sichtbar feucht, als ob sie im Freien geschlafen hätte, und wirkte dazu unvereinbar formell. Er fragte sich, ob jemand das Kostüm zur Sammelstelle der Heilsarmee unten am Boulevard bei Pep Boys gebracht hatte und ob dieses Mädchen zu den jungen Leuten gehörte, die er manchmal in Schlafsäcken dort unter dem Vordach eines der geschlossenen Kinos gesehen hatte.

„Zumindest respektvoll“, gab er zurück, „nehme ich an.“

Sie nickte. „Schau“, sagte sie, „Einige, die wir liebten, die Schönsten und die Besten…“

Überrascht von dem Zitat setzte er in Gedanken den Text mit den zwei nächsten Zeilen des Rubaiyat-Vierzeilers fort. ‚Jene Zeit und Schicksal pressten all ihre Trauben aus,/Sie tranken ihren Kelch, ein, zwei Runden zuvor’ – und hörte sich selbst die letzte Zeile laut aussprechen: „Und schlichen einer nach dem anderen dann still zur Ruh.“

Sie schaute ihn aufmerksam an, so dass er sich räusperte und fragte, „Sind Sie von hier? Ich nehme an, Sie waren hier schon einmal.“ Vielleicht war ja dieser seltsame Duft heutzutage populär, dachte er, so wie damals in den Sechzigern das Patschuli-Öl. Möglicherweise hatte er sich vorhin in der Nähe von jemandem befunden, der es auch trug.

„Ich wohne im Heroic“, antwortete sie und fuhr schnell fort, „Leben Sie hier in der Nähe?“

Er konnte ihren Büstenhalter durch die feuchte weiße Bluse sehen und wandte sich ab – nicht ohne vorher zu bemerken, dass er mit Weinreben bestickt zu sein schien.

„Ich habe ein Appartement oben auf der Franklin“, sagte er verspätet.

Sie hatte seinen Blick bemerkt und streckte ihren Rücken für einen Moment, ehe sie ihr Jackett schloss und zuknöpfte. „Und in ein Leichentuch aus Weinlaub gehüllt“, sagte sie fröhlich, „So begrabt mich bei einer hübschen Gartenlaube.“

Verlegen murmelte er die erste Zeile dieses Vierzeilers: „Ach, mit der Traube mein schwindendes Leben versorge..“

„Gute Idee!“ sagte sie – dann runzelte sie die Stirn und ihr Gesicht erschien älter. „Nein, verdammt, ich muss gehen – aber ich sehe Sie doch wieder, oder? Ich mag Sie.“ Sie beugte sich nach vorn, wandte das Gesicht aufwärts - und dann hatte sie ihn flüchtig auf die Lippen geküsst und er ließ seine Einkaufstasche fallen.

Er bückte sich, um sie aufzuheben und wischte die kalten Wassertropfen von seiner Hose. Als er sich umsah, war sie verschwunden und er ging einige Schritte in Richtung des Kinoeingangs. Dutzende bunt angezogene Fremde blockierten seine Sicht und er war nicht in der Lage zu sagen, ob sie ins Innere geeilt war. Sie war weder unter den Menschen an den Fotoständen noch auf dem glänzenden schwarzen Fußweg.

Ihre Lippen waren heiß gewesen – vielleicht hatte sie Fieber.

Er öffnete seinen Plastikbeutel und schaute hinein, aber das Buch schien weder nass geworden noch auf einer Ecke gelandet zu sein. Eine Erstausgabe von Colleen Moores Silent Star mit einem maschinengeschriebenen Brief, signiert und auf dem Vorsatz befestigt. Der Larry Edmunds Buchladen einige Blöcke östlich würde ihm fünfzig Dollar dafür geben.

Und vielleicht, ging ihm durch den Kopf, könnte er hinterher noch bei Boardners einen Halt einlegen und vor dem Heimweg in sein Appartement ein paar Bier trinken. Oder auch einen Wild Turkey, obwohl es noch nicht einmal Mittag war. Er wusste, dass er hierher zurückkehren würde, bald, öfters – umherspähend, trödelnd, höchstwahrscheinlich erfolglos.

Dennoch, Ich werde Sie wieder sehen, hatte sie gesagt. Ich mag Sie.

Nun, dachte er mit einem nervösen Lächeln, während er auf dem schwarzen Fußweg in Richtung Osten loslief, die messinggefassten Sterne mit den darauf befindlichen Namen umgehend, Ich mag dich auch. Letztendlich ist es vielleicht ein regennasses kleines Hippymädchen, in das ich mich verlieben könnte.

A Soul in a Bottle erschien Dezember 2006 in zwei unterschiedlichen Ausgaben, einer Trade-Edition und einer auf 500 Exemplare begrenzten Limited Edition. Letztere hat ein anderes Cover, enthält als Extra drei eingelegte Gedichte The One for Me, Checklist und December 31, 1968 und ist von Tim signiert.

Auf der Signaturseite werden auch 26 Exemplare einer Lettered Edition erwähnt (die aber noch nirgendwo aufgetaucht ist). Die Illustrationen von J. K. Potter - Schutzumschlag, Signaturseite, Frontispiz, und 7 Innenillustrationen - sind eher düster und mysteriös und unterstützen so die getragene Erzählweise perfekt.

In dem schmalen Büchlein wird erneut das Chinese Theater und der Hollywood Boulevard zum psychischen Schlachtfeld übernatürlicher Kräfte.

Das Buch erschien 2006 bei Subterranean Press.

 
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